Die Welt zeigte sich schockiert, als Richard Nixon seinen Mitbürgern ankündigte, sein Land wolle die Spielregeln der internationalen Währungsordnung nicht mehr einhalten. Acht Tage später entband der Weltwährungsfonds (IWF) alle Mitgliedstaaten von der Verpflichtung, einen festen Wechselkurs gegenüber dem Dollar zu garantieren. Doch der Schock traf die Beteiligten keineswegs völlig unvorbereitet: Seit Jahren schon haben Fachleute in aller Welt den großen Eklat prophezeit. Das System von Bretton Woods zeigte zu viele Schwächen.

Seit Jahren fehlt es deshalb auch nicht an Vorschlägen zur Korrektur des Systems von Bretton Woods, das seit bald 26 Jahren und zum Schluß mehr schlecht als recht funktionierte. Doch die Hauptsorge der westlichen Währungspolitiker war zunächst nicht der Dollar-Überfluß. Kopfzerbrechen machte vor allem der Mangel an internationaler Liquidität.

Angesichts des expandierenden Welthandels wurde befürchtet, die einzelnen Länder könnten nicht über genügend Devisen oder andere international anerkannte Zahlungsmittel verfügen, um ihren Handel zu finanzieren. Denn den Vereinbarungen von Bretton Woods fehlte ein Mechanismus, um die Geldmenge automatisch dem wachsenden Handel anzupassen.

Zwar übernahmen die USA von Anfang an die Rolle des Defizitlandes, das mit seinen Dollars für steigende Liquidität in aller Welt sorgte. Doch es war bald abzusehen, daß eine einzelne Währung als ständige Liquiditätsquelle überfordert würde.

Schon 1957 erregte der Yale-Professor Robert Triffin mit einem Buch unter dem plastischen Titel „Europa und das Geld-Schlamassel“ Aufsehen. Triffin blies zum Generalangriff auf den Gold-Devisen-Standard und erklärte ihn kurzerhand für „nicht lebensfähig“.

Rettung vor dem nahen Zusammenbruch konnte nach Triffin nur eine Reform des IWF an Haupt und Gliedern bringen. Seine Vorschläge: Umwandlung des Fonds in eine Super-Zentralbank, der die nationalen Währungsbehörden mitsamt ihren Gold- und Devisenreserven unterstellt werden.

Zurück zu Keynes

Als Triffin gar noch vorschlug, Gold und Dollar durch eine künstliche internationale Zahlungseinheit zu ersetzen, war ihm das Mißfallen der Politiker sicher. Denn schon bei den Verhandlungen von Bretton Woods hatten solche Ideen keinen Erfolg. Damals hatte sich der englische Nationalökonom Lord Keynes wortgewaltig, aber vergeblich für eine solche Lösung eingesetzt. Auch die Neuauflage des von Keynes damals vorgeschlagenen „Bancor-Geldes“ kam über die wissenschaftliche Diskussion nicht hinaus.

Bereits 1958 tauchten auch die ersten Vorschläge zur Anhebung des Goldpreises auf. Ihr geistiger Vater war der renommierte britische Ökonom Sir Roy Harrod. Daß der Engländer seine Gedanken ausgerechnet in südafrikanischen Zeitschriften kundtat, erregte Mißtrauen. Denn Südafrika hätte als Goldproduzent Nummer eins von einer Verteuerung des Währungsmetalls am meisten profitiert.

Sir Roy war nicht zimperlich mit seinen Forderungen: Statt 35 Dollar sollte die Feinunze Gold 100 Dollar kosten und damit den Wert der internationalen Goldreserven auf einen Schlag fast verdreifachen. Die in den 50er Jahren noch befürchtete Gefahr einer internationalen Deflation mangels Zahlungsmitteln, wäre damit, so Harrod, gebannt.

Doch der Beifall blieb aus. Eine solche Lösung des Dollar-Problems hätte nämlich zunächst zu einem Chaos im internationalen Zahlungsverkehr führen müssen: Jede ernsthafte Diskussion über eine Gold-Verteuerung hätte zu einer Flucht aus dem Dollar geführt, und die Spekulation gegen die Reservewährung wäre auch noch fürstlich belohnt worden. So schalt Bundesbank-Vizepräsident Otmar Emminger Harrods Pläne nicht ohne Grund als die „unrationellste und schlechteste, aber auch inflationsträchtigste Methode“.

Harrod ließ sich belehren und schwenkte 1961 auf die Linie Triffins ein. Gleichzeitig zerbrachen sich auch einige IWF-Spitzenfunktionäre den Kopf darüber, wie sie ihr Haus attraktiver machen könnten. So etwa der letzte IWF-Präsident Per Jacobssons. Er plädierte 1961 für eine verstärkte Kreditgewährung des Fonds. Im Falle starker Spekulation könnte der IWF damit als monetäre Feuerwehr eingreifen.

Doch nur ein einziges Mal seit 1944 wurde das Abkommen von Bretton Woods geändert: Nach mehr als zweijährigen Beratungen verabschiedete der Gouverneursrat des IWF am 31. Mai 1968 ein Ergänzungsabkommen und beschloß die Einführung der Sonderziehungsrechte.

Damit wurde zum erstenmal der Versuch gewagt, Liquidität nicht zufällig, sondern je nach Bedarf zu schaffen. Und auch die Abkehr vom Gold und von der Leitwährung Dollar war nicht mehr zu leugnen, was dem neuen Reservemedium und Zahlungsmittel den Namen „Papiergold“ eintrug.

Das Verfahren ist im Grund einfach: Der Gouverneursrat des IWF teilt nach bestimmten Spielregeln den Mitgliedsländern Sonderziehungsrechte als Zahlungsmittel zu. Sie können damit bei anderen Mitgliedern die Devisen kaufen, die sie gerade brauchen. Nach einer gewissen Frist müssen die Sonderziehungsrechte von dem Land wieder zurückerworben werden, das, sich zuvor Devisen damit beschafft hat.

Das Liquiditätsproblem könnte damit ungeachtet unzureichender Goldbestände oder unerwünschter Dollars gelöst werden. Doch das andere Hauptproblem der internationalen Währungsordnung wird damit weniger denn je gelöst: das chronische Defizit in der Zahlungsbilanz mancher Länder, allen voran der USA.

Zu diesem heute dominierenden Problem ist den Währungsexperten weniger eingefallen als zur Frage der Liquidität. Trotzdem standen einige Vorschläge zur Diskussion. Zum Beispiel das System flexibler Wechselkurse (Floating), wie es in der Bundesrepublik seit Mai praktiziert wird – entgegen den Vorschriften des IWF.

Hält ein Land dieses System konsequent durch, so ist das Problem des Zahlungsbilanzausgleichs hinfällig. Die Kurse der Währung (Wechselkurse) spielen sich am Devisenmarkt so ein, daß weder ein Überschuß noch ein Defizit entsteht. Auch die Reservebildung macht kein Kopfzerbrechen mehr: Da die Zahlungsbilanz ausgeglichen ist, müssen Gold und Devisen nicht mehr zum Stopfen von Löchern in Notzeiten herhalten.

Flexible Wechselkurse hatten in Deutschland stets namhafte Anhänger. Als einer der ersten setzte sich der Bankier und Währungstheoretiker L. Albert Hahn dafür ein. Doch auch angelsächsische Währungsexperten machten sich für das einleuchtende wie einfache Prinzip der Flexibilität stark. So etwa James E. Meade, ein bekannter englischer Wirtschaftswissenschaftler, oder Milton Friedman, einer der populärsten amerikanischen Nationalökonomen unserer Tage.

Mythos vom Gold

Daß flexible Kurse trotzdem nur außerhalb der IWF-Legalität und in Ausnahmefällen praktiziert werden, liegt an einem praktischen Einwand. Sobald sich Wechselkurse von Tag zu Tag ändern können, werden Exporteure und Importeure unsicher. Sie schließen möglicherweise Lieferverträge mit dem Ausland ab, die sich am Tage der Bezahlung wegen der veränderten Kurse als Verlustgeschäft herausstellen können.

Damit würde dem Welthandel ein schlechter Dienst erwiesen; denn Unsicherheit trägt sicher nicht zu seiner stetigen Ausweitung bei. Und schrumpfender Warenaustausch zwischen den Nationen könnte im Extremfall zu einer weltweiten Rezession führen, die Zustände wie zur Zeit der Weltwirtschaftskrise heraufbeschwören müßte.

Den Verfechtern flexibler Wechselkurse liegt dagegen der Kampf gegen die weltweite Inflation als aktuelles Problem näher. Denn mit ihrer Hilfe kann die importierte Inflation an der Grenze abgewehrt werden. Der Preis könnte jedoch eine gewisse Arbeitslosigkeit sein. Kanada mußte diese Erfahrung machen. Den meisten Politikern erscheint dies als das größere Übel.

Mit Reminiszenzen an die weltweite Wirtschaftskrise von 1929 versuchte der Franzose Jacques Rueff eine Rückkehr zum reinen Goldstandard zu propagieren. Er forderte 1961 die USA auf, alle Dollar-Schulden in Gold einzulösen und damit die internationale Vormachtstellung der US-Währung zu beenden. Das hätte schon damals den Ausverkauf des Goldhortes von Fort Knox bedeutet.

Der Mythos vom Gold à la Rueff fand in General de Gaulle seinen eifrigsten Anhänger. Doch auch Wilhelm Vocke, ehemals an der Spitze der Bank deutscher Länder, hatte zuvor einen Goldwährungs-Club der reichen Länder vorgeschlagen. Und selbst Wilhelm Röpke, Altvater der Sozialen Marktwirtschaft, glaubte an die Zukunft des Währungsgoldes.

Bei einer Rückkehr zum Goldstandard könnte nur noch das Edelmetall als Währungsreserve dienen. Eine Leitwährung gäbe es nicht mehr, der Dollar hätte seine Sonderrolle ausgespielt. Und ein Land könnte sich nur solange Defizite in seiner Zahlungsbilanz leisten, wie es diese Schulden auch mit Gold begleichen kann.

Doch der Goldstandard setzt ein großes Maß an internationaler Disziplin voraus. Schon einmal führte dieses System zum Ruin, weil seine Spielregeln nicht eingehalten wurden. Und unter Umständen müßte auch hier die Lösung des Zahlungsbilanzproblems mit schweren binnenwirtschaftlichen Schäden bezahlt werden. Die einzelnen Länder wären nicht mehr Herren ihrer Konjunkturpolitik.

Seit dem Rückzug de Gaulles von der politischen Bühne ist es um diese Pläne auch still geworden. Ihr antiamerikanischer Effekt war zu offensichtlich. Allenfalls Goldproduzenten hoffen noch auf das große Geschäft mit dem Goldstandard.

Ob es in den nächsten Monaten schon zu einer Änderung des IWF-Abkommens kommt, ist noch völlig offen. Seitdem Dollars nicht mehr in Gold eingetauscht werden, ist die Grundlage der Vereinbarungen von Bretton Woods zerstört. Kritiker haben diesen Zustand allerdings vorausgesehen. So erklärte Fritz Machlup vor drei Jahren: „Dieser Schritt kann jeden Augenblick wirksam werden, besonders wenn das Defizit der amerikanischen Zahlungsbilanz anhält.“

Trotz der seit langem drohenden und jetzt offen ausgebrochenen Krise und trotz vieler Vorschläge aus kompetenter Feder ist allerdings noch nicht abzusehen, wie eine Einigung der führenden Währungsländer über eine neue Weltwährungsordnung aussehen könnte. Bisher konnten sich nicht einmal die EWG-Länder auf eine gemeinsame Haltung einigen.