Von Adolf Metzner

Noch nie in der siebenunddreißigjährigen Geschichte der Leichtathletik-Europameisterschaften kamen die Zuschauer in so hellen Scharen wie diesmal im kleinen Finnland. Insgesamt 197 069 zahlende Zuschauer passierten die Tore des Olympiastadions in Helsinki. Sie waren begeisterungsfähig wie eh und je, feierten große Leistungen nach Gebühr und legten auch den von ihnen erwarteten Sachverstand an den Tag. Daß die eigenen Leute besonders angefeuert und gefeiert wurden, wer wollte das tadeln. Die anwesenden Ausländer gönnten den Finnen die Erfolge Väätäinens von Herzen, mußten diese doch 25 Jahre warten, bis wieder einmal einer ihrer Athleten Europameister auf der langen Strecke wurde, die sie einst souverän beherrschten. Mit weniger Einwohnern als Berlin wurden sie damals zum Lehrmeister der Welt. Das nationale Moment (Finnland war bis 1917 russisch) kam hinzu, und nach Väätäinens Siegen sangen die 40 000 Finnen ihre schöne Hymne noch immer mit rührender Inbrunst.

Die Organisation der Europameisterschaften hielt sich, was bei den Finnen überraschend ist, nur mühsam auf der Höhe der Zeit, dafür funktionierte die immer mehr beherrschende Elektronik, wo für 90 000 Dollar Apparaturen gratis zur Verfügung gestellt worden waren, tadellos. Endlich war auch eine Video-Anlage zur Überwachung der Bahn und der Staffelwechsel vorhanden. In der ZEIT haben wir sie ebenso wie das elektronische Startkontrollsystem, das Fehlstarts optisch anzeigt, schon vor vielen Jahren gefordert.

Eine Unsitte, von den Japanern in Tokio 1964 eingeführt, muß schärfstens verurteilt werden. Nur wenige Augenblicke, nachdem die Läufer das Ziel passiert hatten, wurden sie oft handgreiflich von Ordnern in die Kabinen gedrängt und getrieben. Besonders unangebracht war dieses rüde Verfahren bei den 1500-Meter-Läufen der Zehnkämpfer, die nachts um elf Uhr endeten. Diese Athleten sind ja für diese Strecke nicht derart trainiert wie die Spezialisten, die heute im Gegensatz zu früheren Zeiten kaum außer Atem kommen. Hier wohnte man einem peinlichen Schauspiel bei, als die nach Luft ringenden Läufer, die außerdem durch weites Vorbeugen den Gravitationsschock, das Versacken des Blutes in den Beinen, bekämpften, in die Lobby gejagt wurden. Die Jury, in der doch eine Reihe alter Athleten standen, hätte diesen Szenen ein für allemal ein Ende bereiten sollen. Hoffentlich machen sie nicht noch in München Schule!

Zum Thema Psyche und Sport oder auch Psychopathie und Höchstleistung wäre viel zu sagen, vor allem auch im Hinblick auf den schwedischen Europarekordmann im Diskuswurf, Rickard Bruch, der seine Muskeln mit Anabolica zu wahren Gebirgen anschwellen ließ und noch aus der startbereiten Maschine floh. Am nächsten Morgen flog er doch und schied prompt im Vorkampf aus.

Schon ein Blick auf den Medaillenspiegel zeigt, daß der große Sieger wie in Athen vor zwei Jahren (damals 11 mal Gold) wieder einmal die DDR ist. Allerdings stellen die Sowjetrussen mehr Europameister bei den Männern, dafür waren sie bei den Frauenwettbewerben so schwach wie noch nie – nur ein Sieg im Diskuswurf!

DDR und Sowjetunion haben zusammen mehr Goldmedaillen als alle übrigen Länder. Ost holte 25mal, West nur 13mal Gold. Die Überlegenheit der kommunistischen Länder ist immer noch ungebrochen. Dies wird dort von der gelenkten Presse auf die überlegene Ideologie zurückgeführt. Tatsächlich ist aber der Staatsamateur heute praktisch zum Staatsprofi geworden, gegen den die vielfältigen Spielarten der finanziell unterstützten Amateure in der westlichen Welt eben doch unterlegen sind. Den letzten lupenreinen Amateur, Herrn Biedermann aus Liechtenstein, bestaunte man wie eine Rarität, als er fröhlich letzter wurde. Auch die Weltrekorde kamen alle von Vertretern des Ostblocks. Daß sie nur von Frauen aufgestellt wurden, verwundert schon weniger, wenn man bedenkt, daß von den dreien, zwei auf neuen Strecken (1500 und 4 X 400 Meter), die erst seit 1969 auf dem Programm der Europameisterschaften stehen, erzielt wurden.