Über fast zwei Jahre haben sich die Verhandlungen der Westmächte mit der Sowjetunion über Berlin hingezogen. Den Sowjets, deren Pressionsversuche in Berlin gescheitert waren, lag angesichts der wachsenden Spannungen mit Rotchina und der zunehmenden Rüstungslasten offenbar daran, die Läge an ihrer westlichen Flanke zu entschärfen. Die Interessen der USA wiederum, deren vietnamesisches Engagement immer kostspieliger geworden war, gingen in eine ähnliche Richtung. Charakteristisch ist, daß Berlin, je weiter die Sondierungen gediehen, immer stärker zum Testfall für die sowjetische Entspannungsbereitschaft wurde.

Diese Verknüpfung gilt schon für jenes "Signal von Reykjavik" im Frühjahr 1968, das am Anfang des langen Weges zum Verhandlungstisch stand. Unter besonderem Zuspruch des damaligen Außenministers der Bonner Großen Koalition, Willy Brandt, erklärte sich der Ministerrat der NATO am 25. Juni 1968 in der isländischen Hauptstadt zu Gesprächen über ausgewogene Truppenverminderungen in Ost und West be reit. Zugleich bekräftigten die Minister noch einmal die westlichen Berlin Garantien, nachdem kurz zuvor die DDR Behörden einen Paß- und Visumzwang im innerdeutschen Verkehr eingeführt und neue Durchfahrtsgebühren im Verkehr mit Berlin erhoben hatten. Der NATO Rat sah darin den "vorsätzlichen Versuch, die Entspannung in Frage zu stellen, aus der Berlin und seine Bewohner nicht ausgeschlossen werden dürfen". Ein weiteres Signal setzte der neue amerikanische Präsident Nixon bei seinem Besuch am 27. Februar 1969 in West Berlin. Vor den Arbeitern und Angestellten der Siemens Werke sagte er: "Die Frage vor aller Welt ist es nicht, ob wir uns der Herausforderung, Berlin zu verteidigen, stellen werden. Daß dem so ist, haben wir bereits bewiesen. Die Frage ist jetzt, wie man die Herausforderung am besten beenden und den Weg zu einer friedlichen Lösung des Problems eines geteilten Deutschlands frei machen kann . Lassen Sie uns alle die Situation in Berlin als einen Appell zum Handeln betrachten, als eine Aufforderung zur Beendigung der Spannungen eines vergangenen Zeitalters, hier und überall auf der Welt "

Die erste offizielle Reaktion des Ostens war in jenem "Budapester Appell" vom 17. März 1969 enthalten, den die Mitgliedstaaten des Warschauer Vertrages bei ihrem Treffen in der ungarischen Hauptstadt an alle europäischen Staaten richteten.

In diesem Appell erinnerte der Ostblock an seinen drei Jahre zuvor unterbreiteten Vorschlag, eine europäische Sicherheitskonferenz einzuberufen, und plädierte abermals für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa. In den westlichen Kanzleien fiel vor allem auf, daß als Voraussetzung einer Entspannung nicht mehr die "völkerrechtliche Anerkennung der DDR", sondern lediglich die "Anerkennung der Existenz der DDR" verlangt wurde. Obschon der Osten noch kurz zuvor gegen die Bundespräsidentenwahl in West Berlin am 5. März 1969 heftig protestiert hatte, unterblieb jede Drohung gegen die Stadt; statt dessen wurde lediglich festgestellt, daß West Berlin einen "besonderen Status" habe und nicht zu Westdeutschland gehöre. Der Westen nahm den Ball auf. Bei ihrer Frühjahrstagung in Washington im April 1969 beschlossen die NATO Staaten, "in enger gegenseitiger Konsultation bei der Sowjetunion und den anderen Ländern Osteuropas herauszufinden, welche konkreten Probleme sich am ehesten für fruchtbare Verhandlungen und eine baldige Lösung eignen". Des weiteren wiesen die Minister darauf hin, daß eine europäische Friedensregelung die Beseitigung von Spannungsherden voraussetze, wozu wiederum Verbesserungen in und um Berlin beitragen könnten. Sie unterstützten darum die Bemühungen der drei Westmächte, "Möglichkeiten für einen geordneten und ausgehandelten Fortschritt auszuloten". In der Folge begann sich der Austausch von Signalen zu beschleunigen. Am 10. Juli 1969 machte Außenminister Gromyko in einer Rede vor dem Obersten Sowjet deutlich, daß Moskau geneigt war, ebenfalls allgemeine Entspannung und Fortschritte in der Berlinfrage zu verknüpfen. Er erklärte: "Wenn die anderen Mädite, unsere Kriegskameraden, die ihren Teil der Verantwortung für die Lage in West Berlin tragen, an diese Frage unter Berücksichtigung der Interessen der europäischen Sicherheit herangehen werden, so werden sie seitens der Sowjetunion Bereitwilligkeit zum Meinungsaustausch darüber finden, wie man jetzt und für die Zukunft Komplikationen um West Berlin verhüten kann " Mit bisher noch unveröffentlichten Aidedrei Westmächte daraufhin in Moskau, wie ernst es der Sowjetunion mit der Entspannung in Berlin sei. Sie brachten das Thema der Zufahrtsrechte auf und übermittelten den Wunsch der Bonner Regierung nach einer engeren Kommunikation zwischen den beiden Teilen Deutschlands. Die sowjetische Antwort vom 12. September 1969 — bisher ebenfalls unveröffentlicht — ging darauf allerdings nicht ein, sondern wiederholte im wesentlichen die Erklärungen Gromykos vor dem Obersten Sowjet.

Nun bekräftigte der NATO Rat bei seiner Brüsseler Tagung Anfang Dezember 1969 noch einmal, daß erfolgreiche Bemühungen um eine Verbesserung in Berlin mit der Lösung anderer Ost West Probleme einhergehen müßten. Er erwähnte auch die Vorschläge der neuen Bundesregierung in Bonn für eine innerdeutsche Entspannung und für den Austausch von Gewaltverzichtserklärungen "Bei der Beurteilung der Aussichten für Verhandlungen, die auf verbesserte Beziehungen und Zusammenarbeit in Europa gerichtet sind", hieß es in einer gesonderten Erklärung der Minister, könne man "nicht umhin, der Reaktion auf diese Vorschläge großes Gewicht beizumessen". Damit war die Verbindung zwischen Fortschritten in Berlin, Gewaltverzicht und dem sowjetischen Wunsch nach einer Sicherheitskonferenz nun auch formell hergestellt.

In einem Aide Memoire vom 16. Dezember 1969 präzisierten die Westmächte schließlich ihre Vorstellungen und schlugen der Sowjetunion Viermächtegespräche über folgende Themen vor: 1. Verbesserungen des freien Personen- und Güterverkehrs zwischen Berlin und der Bundesrepublik; - 2 die Wiederherstellung des freien Personenverkehrs und des innerstädtischen Telephonverkehrs in Berlin, Verbesserungen des Post- und Handelsverkehrs zwischen beiden Teilen der Stadt; 3. Abbau der diskriminierenden Beschränkungen, denen West Berlin im Ostblock, vor allem wirtschaftlich, unterworfen ist.

In seiner Antwort am 10. Februar 1970 erklärte sich Moskau einverstanden, mit Washington, London und Paris über Berlin zu verhandeln. Allerdings ließ die Sowjetunion keinen Zweifel daran, daß sie die Verhandlungen — im Sinne ihrer These von West Berlin als einer selbständigen politischen Einheit — auf diesen Teil der Stadt beschränken wolle. Zu den Vorschlägen der Westmächte schwieg sich Moskau aus. Daraufhin breitete sich im westlichen Lager wieder Skepsis aus. Aber man mochte, ungeachtet der wiederum deutlich gewordenen Unterschiedlichkeit der Ausgangspositionen, die Gespräche nicht scheitern lassen, noch ehe sie überhaupt begonnen hatten. So stimmten die Westmächte nach intensiven Konsultationen mit der Bundesregierung am 27. Februar 1970 dem sowjetischen Vorschlag zu, daß die vier Botschafter in Deutschland im West Berliner Kontrollratsgebäude verhandeln sollten.