Von Wolf Donner

Er ist 25 Jahre alt und Hilfsarbeiter in Berlin. Es ging ihm schlecht, erzählte er dem Rias-Redakteur Manfred Voegele, er fing an zu haschen und-stieg dann auf härtere Drogen um. „Ich hab’ son janzet Jahr so hundertfuffzig Strips jeschmissen, allet in allem“; er habe „die Scheiß-Alltagsprobleme nich mehr jekannt dadrin“.

Eines Tages erzählte ihm jemand, Jesus allein könne ihm helfen. Er ging mit zu einem gemeinsamen Gebet und hatte die Erleuchtung: Auf dem Heimweg war er high wie auf einem Trip, Jesus war in ihm, „ick hab’ mich selbst jesehn, wie ick als Mensch jelebt habe, und daß et eben nich richtig war – und so die janzen Hinweise, die ick von ihm bekommen habe und die ick durch meine Umwelt einfach niederschlagen habe“. Von Stund an kam er ohne Drogen aus, er nimmt regelmäßig an Gebeten und Bibelstunden teil und hat seine 58-Quadratmeter-Wohnung zu einem Obdachlosenasyl für Süchtige gemacht. Sex und Rauschgift untersagt er ihnen, sonst können sie sich frei bewegen.

In dreißig Sekunden

Mit glühender Begeisterung, nicht selten mit einer schwer nachvollziehbaren fanatischen Inbrunst und Verzückung berichten einige tausend Jugendliche in Europa und bereits über eine Million in Amerika von dem gleichen religiösen Grunderlebnis. Die Umstände ihrer Bekehrung, des Davor und des Danach sind erstaunlich parallel, ihr Vokabular ist austauschbar: Komplikationen mit Eltern, Lehrern, Chefs, Kontaktarmut und innere Leere, Knast, Heime, die Hölle der Abhängigkeit von Rauschgift und der kriminalisierten Drogenszene, Verzweiflung und Resignation; „alles war sinnlos ... ich haßte jeden ... war einfach fertig und kaputt“. Ausgeflippt, so heißt das Modewort dafür. Dann, meist durch einen schon bekehrten Freund initiiert, das Wunder des direkten Kontaktes mit Jesus. „Das Ganze geschieht in dreißig Sekunden“, erklärte der amerikanische Hippiepastor Lyle Steenis einem Reporter des WDR, „auf einmal sind sie das Rauschgift los, ohne lange Entziehungskur, nur durch ein Gebet zu Jesus. Und plötzlich sind sie viel fröhlicher, als sie je im Drogenrausch gewesen sind, und sie lieben Christus mit ganzem Herzen.“

Liebe, Glaube, Glück, innerer Friede, Kraft, Menschlichkeit, Geborgenheit, Fröhlichkeit, Ruhe, Stärke, Sinn des Lebens – so umschreiben sie ihr neues Hochgefühl. „Ich bin so ausgefüllt, das ist wahnsinnig schön ... dufte ... ich spüre Jesus in mir ... Jesus der tollste Trip... high von Jesus ... herrliches Gefühl... selig ...“ Geballte Ladungen von Filmkitsch und Groschenromanlyrik, aber mit einer Überzeugung verkündet, die schon diesen Zynismus Lügen straft.

Vor etwa vier Jahren begann die Bewegung der Jesus-People an der kalifornischen Westküste, wohin sich jahrelang eine wahre Völkerwanderung europäischer und amerikanischer drop-outs bewegt hatte und die zur Hochburg der Studentenrevolte (Berkeley), der Hippiebewegung (Haight Ashbury, San Francisco) und der Rauschgiftszene wurde. Kalifornien, sagte Reinhard Lettau anläßlich seines Amerikabuches „Täglicher Faschismus“, zeige immer an, was nach einem Jahr in den übrigen USA akut sei, und Amerika, so will es ein ungeschriebenes Gesetz, kaut alle Trends und Strömungen der modernen Jugendbewegung zwei, drei Jahre für Europa vor. Bei den Jesus-Freaks hat sich beides bestätigt.