Reisen bildet. Neun Mitglieder der Enquête-Kommission "Auswärtige Kulturpolitik" haben unter Führung des CDU-Bundestagsabgeordneten Berthold Martin eine sechswöchige Reise nach Südamerika angetreten. In zwölf Ländern wollen die fünf Parlamentarier und vier Sachverständigen deutsche Schulen, Goethe-Institute und Kulturattaches besuchen, um sich von der deutschen Kulturarbeit auf dem südamerikanischen Subkontinent ein Bild zu machen. Um eine Ferien- und Vergnügungsreise, so betonte Martin, handele es sich dabei nicht.

Wer hätte das auch gedacht. Seit langem ist bekannt, daß die auswärtige Kulturpolitik der Bundesrepublik wenig Anlaß zum Amüsement gibt, aber eine Menge Probleme hat. Eines davon sind die deutschen Schulen, die etwa sechzig Prozent des Kulturetats im Auswärtigen Amt blockieren. Mit rund 120 Auslandsschulen hat Lateinamerika fast die Hälfte davon. Daß ihre Finanzierung in jedem einzelnen Fall noch sinnvoll sei, wird auch offiziell längst bezweifelt. Allzu pauschale Förderungsmaßnahmen, so sagte kürzlich der höchste Beamte der Kulturpolitik im AA, Georg Steltzer, hätten in vielen Fällen dazu geführt, überholte Sozialstrukturen zu konservieren.

Schon viele Experten haben in diesem schwierigen Komplex herumgestochert, Reisen unternommen und Gutachten verfaßt. Jeder von ihnen weiß, was die Martin-Kommission nach Hause mitbringen wird: nichts Neues aus Südamerika. Aber nützlich sein kann die Reise immer noch – vorausgesetzt, den Parlamentariern wird durch die Gastfreundschaft der Lateinamerikaner, vor allem der dort ansässigen Deutschen, nicht der Blick für das Notwendige getrübt – und es wären schlechte Gastgeber, die das nicht versuchten.

Nützlich ist die Reise gewesen, wenn die Politiker hinterher im Parlament entscheiden, wie die Neuorientierung der Kulturpolitik in Lateinamerika auszusehen hat, praktisch: welche Schulen geschlossen, wo vielleicht sogar neue aufgebaut werden sollten und wie die ohnehin so begrenzten Mittel effektiver einzusetzen sind. Nur dann wäre die teure Reise am Ende ihren Preis wert. Nina Grunenberg