Von Jürgen Frenzel

Jürgen Frenzel, ehemals Polizeipräsident der Hansestadt, ist oberster Beamter der Hamburger Justizbehörde.

Das wichtigste Problem bei einer Betrachtung der Verhältnisse von law and order in den Vereinigten Staaten ist nach wie vor das Rauschgiftproblem. Mehr als die Hälfte der Vermögenskriminalität, und die macht rund zwei Drittel der Gesamtkriminalität in den USA aus, ist auf Rauschgifte zurückzuführen. Ein Heroinsüchtiger benötigt wöchentlich zehn bis zwanzig Spritzen. Da er nicht auf legalem Wege in den Besitz des Stoffes gelangen kann, muß er versuchen, ihn illegal zu erhalten. Er muß dann zum Beispiel Sachen im Werte von 150 Dollar stehlen, um von deren Erlös von erfahrungsgemäß 50 Dollar den benötigten Stoff bezahlen zu können.

In New York hatte es schon zur Jahrhundertwende rund hunderttausend Heroinsüchtige gegeben; ihre Zahl ging dann zurück und ist seit 1955 bis zur heutigen Höhe von wieder hunderttausend gestiegen.

Seit 1963 wurde in einigen Hospitälern in New York versucht, Heroinsüchtigen Methadon zu verabreichen. Man ging von dem Gedanken aus, daß man die Süchtigen doch nicht heilen, sie aber auf eine andere Droge umstellen könne, und zwar auf eine weniger gefährliche. Diese Versuche, wie auch andere, mit psychotherapeutischen Mitteln zu helfen, blieben damals erfolglos. An Stelle von Methodoniam läßt die Gesundheitsbehörde nun Naloxone und Lyclazocine, die keine Nebenwirkung haben, verabreichen. Die Wirkung dieser „Ersatzdrogen“ hält aber nur vier bis sechs Stunden an, nicht lange genug, um die Süchtigen zu veranlassen, sich in den dafür vorgesehenen Krankenhäusern behandeln zu lassen.

Ein Experte der Gesundheitsbehörde schlug nun vor, den Heroinsüchtigen auch weiterhin, jetzt aber unter amtlicher ärztlicher Aufsicht, Heroin zu geben. Das würde zugleich die Heroinhändler arbeitslos machen; die Übel der Rauschgiftkriminalität würden an der Wurzel bekämpft. Dieser Vorschlag ist nicht ganz neu, wurde jetzt aber vom Narcotics Control Council aufgegriffen.

Natürlich überwiegen zur Zeit noch die Gegner dieses Planes; sie berufen sich auf die nicht wegzuleugnende Illegalität dieses Vorhabens und befürchten den ersten Schritt zur Legalisierung von Heroin. Ein Mitglied des Councils zog den Vergleich mit dem Whiskey, den man den Indianern verabreicht hatte. Andere Opponenten wähnten die Mafia hinter diesen Plänen. New Yorks Bürgermeister Lindsay sagte „jein“; er sprach sich für einen Versuch aus. In Harlem soll man inzwischen 500 der insgesamt 100 000 New Yorker Heroinsüchtigen für den Versuch ausgewählt haben, und zwar ausschließlich Farbige.