Von Hans-Joachim Noack

Als die beiden Männer mit gezogenen Pistolen den Schalterrraum der Deutschen Bank, Frankfurter Filiale Stiftstraße, betraten, ging Kassierer Bodem unverzüglich in Deckung. Einer der Gangster erklomm die Theke, hangelte sich am Sicherheitsglas hoch und schob die Waffe über die obere Öffnung. Da wußte Kassierer Bodem, daß das Spiel verloren war, und er verhielt sich entsprechend den Anweisungen der Bankräuber, die im wesentlichen mit einem Kernsatz der Unfallverhütungsvorschriften des deutschen Kreditgewerbes übereinstimmten. Die Formel heißt, die Sicherheit von Menschenleben sei grundsätzlich über die Verteidigung materieller Güter zu stellen – ein Gebot der Vernunft, auf dem sich zugleich alle Hoffnung für den erfolgreichen Abschluß eines Bankraub-Unternehmens gründet.

Der Coup an einem Freitagvormittag vorigen Monats kostete 140 000 Mark. Und Herr Bodem trat danach sozusagen ein verlängertes Wochenende an. Hauptkassierer Hans Leonhardt von der Deutschen Bank beorderte, nachdem er über das Geschehen informiert worden war, sofort einen Arzt in die Stiftstraße. Der verabreichte dem unter leichter Schockeinwirkung stehenden Mann eine Beruhigungsspritze und schickte ihn nach Hause; ein Vorzug, der den übrigen, nervlich wohl ähnlich beanspruchten Angestellten aus naheliegenden Gründen nicht zuteil werden konnte. Denn sonst hätte die Bank schließen müssen. Freilich, am folgenden Montag stand auch der Kassierer Bodem wieder an seinem Arbeitsplatz.

Banküberfälle, sagt sein Vorgesetzter Leonhardt in der Rückschau, hinterließen auf die Betroffenen psychisch wohl keine andere Wirkung, „als wenn man auf der Autobahn Zeuge eines Verkehrsunfalls wird: Man erregt sich beim Vorüberfahren, doch nach zehn Minuten spätestens sind die schlimmen Bilder wieder vergessen“.

Gewiß, Hans Leonhardt, 47 Jahre alt und in seiner Position in der Frankfurter Zentrale der Deutschen Bank Herr über 64 Kassierer, hat bislang einen konkreten Vergleich zwischen, den jeweiligen Stimmungslagen auf Grund eigener Erkenntnis noch nicht anstellen können... Aber er ließ sich berichten, und er hat, im Geist zumindest, einen Überfall auf sich selbst in allen Details „durchgespielt“. Hans Leonhardt, in jungen Jahren noch Soldat und Kriegsgefangener, ist zu dem Ergebnis gekommen, daß er im Ernstfall „wohl aus den Erfahrungen des Krieges profitieren“, dem „Vorgang“ also „mit ruhiger Hand, konzentriert und der Lage angemessen“ gegenüberstehen würde.

Das heißt, der Hauptkassierer der Deutschen Bank möchte, über die Fiktion höchster Bedrängnis und seine mutmaßliche Einstellung nachdenkend, sich keinesfalls zum Heros hochstilisieren. Er will nicht den Eindruck erwecken, den beispielsweise Eberhard Dettweiler, der stellvertretende Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung in der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), „das falsche Bild“ nennt, wenn er von der wachsenden Neigung der Öffentlichkeit spricht, in den Kassierern mittlerweile kleine Wildwest-Helden zu sehen, die andauernd von drohend auf sie gerichteten Schießeisen umgeben seien. Hans Leonhardt sagt vielmehr, daß die Angehörigen seines Berufsstandes „Realisten“ sind – Männer, die sich „an Fakten halten“.