Vor III Jahren, als ich zehn Jahre alt war ... Kann man jemandem glauben, der seine unwahrscheinliche Lebensgeschichte so beginnt? Kann man diesem Jack Crabb trauen, der behauptet, der einzige weiße Überlebende der berühmten Indianerschlacht am Little Bighorn im Jahre 1876 zu sein, obwohl bekannt ist, daß jener Glückliche anders hieß und ein indianischer Scout war? Müßige Fragen! Mag dieser Jack Crabb auch ein Lügner und Aufschneider sein, was seine Person und seine Rolle in der Geschichte des Wilden Westens angeht, die historischen Fakten der Vernichtungskämpfe der Weißen gegen die Indianer sind authentisch.

Durch den Mund dieses listigen Prahlhans demonstriert Thomas Berger in seinem Roman (deutscher Titel: „Der letzte Held“) bequeme und liebgewordene amerikanische Lesebuchgeschichten über die Indianer, die Revolverhelden des Westens und besonders über den berühmtberüchtigten General Custer, der in jener Schlacht am Little Bighorn sich und sein 7. Kavallerie-Regiment in den Tod trieb.

Schon mit seinem ersten Film „The left handed Gun“ (Billy the Kid) hatte Arthur Penn 1958 versucht, den Western zu entmythologisieren – ein Unterfangen, das ihm mit der Verfilmung von Bergers Roman besser und eindringlicher gelungen ist. Penn und sein Drehbuchautor Calder Willingham haben nicht nur die Handlung des 520-Seiten-Wälzers geschickt gerafft, Personen und Handlungsteile umgestellt, sondern auch eine entscheidende Nuance der Geschichte geändert.

Bergers Buch steht in der Tradition des kritischen Schelmenromans (bei der Lektüre denkt man sofort an den Simplizissimus); bei ihm überwiegt die Lust des Fabulierens, schafft der Strom ungestüm hervorquellender Worte eine Distanz zu dem Erzähler wie dem Erzählten.

Penns Film hingegen muß sich gegen eine Tradition kehren, gegen den Western. Die große Leistung von Penn besteht darin, daß es ihm gelungen ist, die Ästhetik des traditionellen Western radikal zu zerstören. Er zerstört dessen Erzählstruktur und vor allem dessen emotionalen Gehalt der Bilder. Sein Film wirkt direkter, engagierter als das Buch, ergreift eindeutiger Partei für die Indianer.

Penns Film steht jenen Western gegenüber, in denen die Legende der Zivilisierung des Westens bewahrt wird. John-Ford-Dogmatiker werden verstört sein. Hat es doch Ford wie kein anderer verstanden, in seinen Bildern aus dem Westen den Geist der amerikanischen Pioniere, die sich in den weiten Landschaften des Westens manifestierende Sehnsucht nach Geborgenheit, Glück und Harmonie einzufangen. Penn vermiest Ford-Jüngern das Paradies. Wenn bei Ford die Kavallerie durch die Prärie reitet, wenn der Hornist die Signale bläst, dann schlagen unsere Zuschauerherzen höher; wissen wir doch, daß die einzige Aufgabe der Armee darin besteht, Menschen aus Katastrophen zu retten. (Und bei Ford brechen die Indianer so unpersönlich wie Naturkatastrophen über die Weißen herein. Nur der Film „Chayenne“ macht da eine Ausnahme.)

Doch wenn bei Penn die Armee anrückt, wenn bei ihm das Signal zur Attacke geblasen wird, dann ist da kein Platz mehr für hehre, männliche Gefühle. Da gleichen die im Teleobjektiv heranrückenden Soldaten eher einem Schwarm überdimensionaler, unheilbringender Heuschrecken. Da ist nur noch die Angst.