Von Friedrich Abel

Zum erstenmal stieß ich auf den Begriff „Indianer-Universität“, als ich vor ungefähr einem Jahr die Meldung über jene 160 zornigen Indianer las, die zusammen mit der Filmschauspielerin Jane Fonda versucht hatten, das im US-Bundesstaat Washington gelegene Fort Lawton zu erobern. Die Aktion hatte den Indianern ein Heim für eine eigene Universität gewinnen sollen, aber sie endete mit dem Arrest von 96 Rothäuten und Jane Fonda. Die Universitätspläne wurden aufgegeben.

Ich hätte die Idee einer nach Richtlinien indianischer Kulturtradition aufgebauten Universität wohl weiterhin für wenig durchsetzbar gehalten, wenn mich nicht am Ende einer längeren Reise durch die bedeutendsten der mehr als dreihundert Indianerreservate der USA ein Völkerkundler auf das „Navajo Community College“ in Many Farms (Arizona) aufmerksam gemacht hätte. Es sei, so erzählte er mir, die erste höhere Schule der Vereinigten Staaten, die von Indianern gegründet worden sei und auch unter ihrer Kontrolle stehe.

Many Farms liegt im Zentrum des Navajo-Reservats, das, an Fläche etwa doppelt so groß wie Belgien, das größte indianische Gebiet Amerikas darstellt. Es ist fast ausschließlich Steppen- und Wüstenland von bizarrer „Monument Valley“ -Schönheit und ernährt seine achtzigtausend Einwohner durch Viehzucht, Bergbau und Fremdenverkehr gerade schlecht und recht.

Der Präsident des Colleges, Dr. Ned Hatathli, empfing mich in der Einheitstracht moderner Reservations-Indianer, ob nun Bauern oder Akademiker: kariertes Hemd, Jeans und Cowboystiefel. Hatathli ist ein junger Navajo mit rundem, freundlichem Gesicht und Bürstenschnitt; der für die ältere Indianergeneration so typische trauernde, schicksalsbewußte Blick geht ihm gänzlich ab. Er hat in Kunstgeschichte promoviert und war, bevor man ihn in diesem Frühjahr zum College-Präsidenten bestellte, Mitglied der Navajo-Stammesregierung.

Ich sagte Hatathli, wie überrascht ich über die Existenz eines Navajo-Colleges sei; denn im Gegensatz zu Aussagen Washingtoner Beamter, die US-Regierung spiele für die Reservations-Indianer nur die Rolle des wohlwollenden Beraters, hätte ich die „indianischen Länder“ überall von kolonialistisch anmutenden Regierungsposten geleitet gesehen. Die weißen Beamten, so schilderte ich ihm meine Eindrücke, scheinen lokale Eigeninitiativen nach Möglichkeit zu bremsen, um die Indianer weiterhin fest unter Kontrolle halten zu können.

„Ein Volk, das so rücksichtslos wie das indianische behandelt wird und wurde, zwingt man ja, sich Schulen eines eigenen Typs zu entwickeln“, erwiderte Hatathli. „Es ist vielleicht gerade deshalb zur Einrichtung des Colleges gekommen, weil der Stamm eingesehen hat, daß die Weißen aus freien Stücken nie eine Schule bauen würden, die unsere jungen Leute zu selbstbewußten Menschen heranbildet.“ Die paternalistisch eingestellten Beamten, meinte er, „könnten ja auch mit einem selbstbewußten Indianer nicht mehr so herumkommandieren wie mit einem eingeschüchterten“.