Frankfurt

Hessens Sozialdemokraten kamen lange Zeit aus dem Gerede nicht heraus. Zweifel an der Führungsqualität des Ministerpräsidenten Albert Osswald und die dadurch ausgelösten Parteidiskussionen waren für landespolitische Kommentatoren schon zum Dauerlutscher geworden. Nun wurde der SPD endlich ein handfester CDU-Personalklatsch beschert: Es sind die „Nachfolge-Rivalitäten um den Platz des Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion, der 1973 frei wird. Dann nämlich will Alfred Dregger nach den Bundestagswahlen nach Bonn gehen.

In seinem mehr kostbaren als gemütlichen Heim in Büdingen am Dohlberg hatte Mitte Juli der erste stellvertretende Vorsitzende und Generalsekretär derhessischen CDU, Christian Schwarz-Schilling, Journalisten auf entsprechende Fragen gezielt anvertraut: Der Vorsitzende Dregger werde aller Voraussicht nach bei den Bundestagswahlen 1973 die Nummer 1 auf der CDU-Landesliste sein und von einem Mandat in Bonn auch Gebrauch machen. „Für den Fall, daß Dr. Dregger 1973 nach Bonn geht, erkläre ich hiermit für meine Person, daß ich keine Bundestagskandidatur anstrebe, sondern meine politische Tätigkeit im Lande Hessen fortsetzen und mich um die Nachfolge im Fraktionsvorsitz in Wiesbaden bewerben werde.“

Prompt ging am nächsten Tag in Hessens Zeitungen der Versuchsballon hoch. Doch die Unionsfreunde reagierten zuerst nicht. Der politische Gegner, über das erste offene Signal von Führungsrivalitäten in der CDU hochbeglückt, war schneller auf dem Plan. Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Heribert Reitz, sprach von einem „Streit in der Führungsspitze der hessischen Union“ und schwärmte, Alfred Dregger spiele nur noch die Rolle eines „Oppositionsführers auf Abruf“. Was die SPD immer schon gesagt habe, sei nun von einem maßgebenden CDU-Politiker bestätigt worden: Der Landesvorsitzende der CDU und Chef der Landtagsfraktion, Alfred Dregger, habe im Grunde gar kein Interesse mehr an Hessen, weil er schon seinen Absprung in die Bundespolitik vorbereite. FDP-Landesvorsitzender Wolfgang Mischnik kommentierte aus der Sicht des Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion: „Die Führungskrise der Bundes-CDU hat mittlerweile auf die CDU in Hessen übergegriffen.“

Aus seinem bayerischen Urlaubsdomizil schrieb Alfred Dregger daher einen „Brief an alle“, an die Mitglieder der Landtagsfraktion, des Landesvorstandes und an die CDU-Kreisvorsitzenden, in dem er seinen Generalsekretär hart abkanzelte: Er sei nicht bereit, den Alleingang von Schwarz-Schilling hinzunehmen. Er widersprach aber nicht dessen Mutmaßungen über seine politischen Ambitionen. Die Empfänger des Dregger-Briefes bekamen aber auch Post aus Büdingen: Was Schwarz-Schilling Journalisten gegenüber geäußert hatte, bekamen seine Unionsfreunde von ihm nun schriftlich: Wenn man von der Presse gefragt werde, müsse man auch offen antworten. Dregger gab ebenfalls ein schönes Beispiel geheuchelter Unschuld. Aus dem Urlaub zurück, lehnte er Journalisten gegenüber zu seinem Brief, der zu Dutzenden von Exemplaren im Landesverband kursiert, jeden Kommentar ab: „Es war ein vertraulicher Brief, der nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war.“

Ist es tatsächlich noch zu früh, das Rennen um die Dregger-Nachfolge einzuläuten? Der gewiegte Taktiker Schwarz-Schilling hätte seine Ansprüche gewiß nicht zu diesem Zeitpunkt und nicht so außerhalb der sonst allgemein üblichen Spielregeln angemeldet, wenn er nicht befürchten müßte, daß bei längerem Abwarten die Kronprinzen-Designierung über ihn hinweggeht. Der Landesvorsitzende Dregger wird 1973 seinen Wirkungsbereich nach Bonn verlegen. Deshalb muß er dafür sorgen, daß ihm während seiner Abwesenheit niemand den Einfluß auf seine hessische Hausmacht streitig macht. Er braucht also den idealen „zweiten Mann“, der nicht danach strebt, der Erste zu werden.

Der bequemere der Dregger-Stellvertreter im Landesvorsitz ist nicht Schwarz-Schilling, sondern Wallmann. Dregger will deshalb schon jetzt Wallmann für die Oppositionsführung im Hessischen Landtag die Schlüsselposition der CDU favorisieren. Schwarz-Schilling muß deshalb der hessischen CDU die Diskussion über die Dregger-Nachfolge aufzwingen, bevor die Weichen unter Ausschluß der Parteiöffentlichkeit gestellt werden.