Genau gerechnet erlebte Bolivien in der vergangenen Woche den 186. Putsch in den 146 Jahren seiner Unabhängigkeit, Präsident Juan José Torres mußte nach zehn Monaten Amtsdauer abtreten. Als Nachfolger wurde der 44jährige Oberst Hugo Banzer vereidigt. Er führt eine dreiköpfige Militärjunta an, der außer ihm noch Oberst Andres Seiich und General Florentino Mendieta angehören. Torres und 25 seiner Getreuen suchten Schutz in der peruanischen Botschaft.

Überraschend war nicht der Putsch, sondern sein Erfolg. Seit Torres im Oktober vergangenen Jahres mit Unterstützung der Studenten und Gewerkschaften als der lachende Dritte aus einem Aufstand der Armee gegen Präsident Ovando Candia hervorgegangen war, ist die Kette von Umsturzversuchen nicht abgerissen. Noch Mitte Juni bescheinigte die Neue Zürcher Zeitung dem Präsidenten eine „erstaunliche Standfestigkeit“. Zweimal, im Dezember 1970 und im Januar 1971, tat sich bei den Unruhen Banzer, Leiter der Militärschule Gualberto Villar-.roel in der Hauptstadt La Paz, hervor. Ende Januar mußte er nach Argentinien fliehen, kehrte aber vor drei Wochen in seine Heimatstadt Santa Cruz zurück, wo er verhaftet wurde – nicht wegen seiner Januar-Aktivitäten, sondern wegen eines neuen, am 20. August aufgedeckten Putschversuches. Mit ihm wurden 30 Verdächtige festgenommen.

Banzers Festnahme am Donnerstag vergangener Woche war der auslösende Faktor für den jüngsten Putsch. Der Oberst hatte im Oktober 1970 zu den Anhängern des nationalistisch-konservativen Generals Miranda gehört, der von Torres überspielt worden war. Für die Armee und die politische Rechte blieb der linksnationale Torres stets ein „bolivianischer Kerensky“; die extreme Linke apostrophierte den Präsidenten dagegen als „kleinbürgerlichen Nationalisten“. Die Opposition gegen Torres einigte auf dem rechten Flügel die lange verfeindeten Gruppen der faschistischen „Sozialistischen Falange“ (FSB) und die „Nationalrevolutionäre Bewegung“ (MNR), die unter den Präsidenten Siles Zuazo und Paz Estenssoro von 1952 bis 1964 Bolivien beherrscht hatte,

Armee, FSB und MNR brachten am Freitag Santa Cruz in ihre Gewalt. Immer mehr Armee-Einheiten schlossen sich ihnen an. Schon am Sonntag fiel ihnen die Hauptstadt in die Hände, nachdem die dort stationierte Spezialtruppe der-Rangers, von Amerikanern geschulte Anti-Guerilla-Kämpfer, zu den Rebellen übergegangen war. Schnell bewaffnete Minen-Arbeiter und Studenten, an sich keine Freunde Torres’, aber traditionell armeefeindlich, konnten die Soldaten nicht aufhalten. Der Umsturz forderte 112 Menschenleben; als letzte starben am Montag Studenten, die sich in der Universität verbarrikadiert hatten und von Weltkrieg-II-Flugzeugen bombardiert wurden.

Torres ist denselben Umständen zum Opfer gefallen wie sein Vorgänger Ovando. Ungeachtet aller ideologischen Einordnungsversuche war er ein Pragmatiker auf der Linie der peruanischen Militärs: Verstaatlichung der Zinn-Minen, Lösung von den Vereinigten Staaten – so wies er unter großem Beifall der Linken das Peace Corps aus –, Planungswirtschaft und Strukturveränderungen: „Bolivien verhungert auf seinen (Boden-)Schätzen.“ Heillos zersplitterte Linksparteien, eine korrupte und ineffektive Verwaltung und eine stumpfe, militärfreundliche indianische Landbevölkerung –.sie stellt über 60 Prozent der Bevölkerung – veranlaßten ihn zu immer stärkeren dirigistischen Maßnahmen.

Dabei setzte er sich betont von seinem früheren Links-Image ab. Um sich die Sympathie der Linken dennoch zu erhalten, ließ er im Dezember die Guerilla-Kämpfer Debray und Busto frei und berief eine Art Volksversammlung ein, die von den Gewerkschaften beherrscht wurde. Damit machte er sich jedoch die Rechte zum Feind. Seine Ankündigung, die Versammlung zu einer echten Nationalversammlung aufzuwerten und bald Wahlen abzuhalten, stieß dagegen auf den Widerstand der Gewerkschaften und Studenten, die sich ihrer Schwäche nur zu bewußt waren.

Das Pendel ist jetzt wieder nach rechts ausgeschlagen. Die ersten Maßnahmen der Regierung Banzer und die Rückkehr von Paz Estenssoro aus dem peruanischen Exil lassen einen neuen, scharfen Rechtskurs erwarten.

Mit dem Umsturz haben sich die Hoffnungen zerschlagen, Bolivien, Peru und Chile, alle Mitglieder des Andenpaktes, könnten ein linksgerichtetes Gegengewicht zu den überwiegend rechtsorientierten Staaten Südamerikas bilden. Chile sprach auch sofort von einem Sieg des „Faschismus“ in Bolivien, während Brasilien seine Genugtuung ausdrückte.