Düsseldorf

Die Düsseldorfer Kabinettsrunde traute ihren Ohren nicht. Innenminister Willi Weyer überbrachte dem regierungsamtlichen Kollegium eine ungewöhnliche Offerte: Der Kaufhaus-Millionär Helmut Horten, vor etlicher Zeit von Düsseldorf in die Schweiz umgezogen, bietet dem Land seine Luxusvilla mit allem Drum und Dran am nördlichen Stadtrand Düsseldorfs zum Verkauf an. Die Landesregierung wäre ihm als Käufer angenehm, so ließ der vielfache Millionär und zeitweilige FDP-Sympathisant wissen. Es ist die Rede von fünf Millionen Mark, obschon der umfangreiche Besitz das Doppelte wert sein soll.

Nun gäbe es tatsächlich triftige Gründe, ein solches halbwegs nobel erscheinendes Angebot anzunehmen: Der Landesregierung fehlt trotz eines Jahresetats von 22 Milliarden Mark noch immer ein Gästehaus. Die ersatzweise als Repräsentanz-Herberge gedachte Heinz-Kühn-Residenz am Düsseldorfer Rheinufer hingegen befindet sich im Zustand eines altertümlichen Gasthofes. Dielen und Treppen ächzen krimireif unter jedem Schritt, das Appartement des Regierungschefs liegt direkt unter dem Dach, ausgebaut zu Winkelkammern. Und im angeblich großen Speisesaal können allenfalls dreißig Leute dinieren, wobei sie sicherlich das Gefühl nicht loswerden, in einem Restaurationswagen der Schlafwagengesellschaft zu sitzen: Alles ist derart schmal, daß Spiegel angebracht wurden, um nicht vorhandenen Raum vorzuspiegeln. Der Kabinettssaal, in dem die Minister wöchentlich tagen, macht den Eindruck eines Vereinslokals, und ein anderes Beratungszimmer nennen die Politiker „grüne Hölle“: Ob Sommer oder Winter – der Raum ist eine fachgerechte Sauna. Auch mit den elektrischen Anlagen hapert’s. Schon bei kleinsten Erschütterungen, meist vom vorbeiflutenden Verkehr auf und auch unter der benachbarten Rheinbrücke ausgelöst, schaltet sich die Alarmanlage zum Schutze des Ministerpräsidenten ein und gibt Signale ans Polizeipräsidium. So stürzte eines Nachts der Regierungschef aus dem Bett auf dem Dachboden, weil ein Überfallkommando an die Türen donnerte, und Heinz Kühn, der im Dunkeln nach einer Waffe suchte, machte sich „auf alles gefaßt“.

Solchen Erfahrungen kann sich sogar der Landesrechnungshof nicht verschließen. Doch den Hausherrn und Landesvater drücken Bedenken. Erstens steht Helmut Horten noch immer im Geruch des Steuerflüchtigen, obwohl alle seine Kaufhäuser in der Bundesrepublik nach Auskunft des Finanzministers „pünktlich und genau“ die Steuermillionen abführen; und zweitens hat der Ministerpräsident ein arges Loch in der Kasse. Bei steigenden Preisen und wachsenden Verpflichtungen („Jeder bessere Kegelverein will heutzutage empfangen werden“, so ein Sprecher der Staatskanzlei) erweisen sich seine beiden Repräsentationsfonds in Höhe von jährlich je 100 000 Mark als zu klein. Die von der Verwaltung vorgeschlagene Erhöhung lehnte Kühn brüsk ab, obwohl Bayerns Ministerpräsident für dergleichen Verpflichtungen 750 000 Mark und Berlins Regierender Bürgermeister noch mehr – nämlich eine Million – zur Verfügung haben.

„Die Landesregierung ist kein Schlemmerlokal“, befand Nordrhein-Westfalens Kabinettschef und wies das Protokoll an, pro Dinergedeck nur noch 25 Mark auszugeben. Auf die Frage, „was dann den meist hohen Gästen serviert werden soll“, erwiderte Kühn, am besten immer rheinischen Sauerbraten im Wechsel mit westfälischem Schinken. Auch bei Stehempfängen, zu denen künftig nicht mehr als hundert Gäste eingeladen werden dürfen, will der Ministerpräsident nach Kräften sparen. Als Hauptgetränk empfiehlt er sich und den anderen „nicht mehr so viel Sekt, sondern mehr Saft und bestes Mineralwasser“.

Sorgen bereiten nicht nur das fehlende Gästehaus und das Horten-Angebot. Auch das Landtagsgebäude ist trotz aller Erweiterungen und Renovierungen kein Paradestück für neuzeitliche Politik: riesige Hallen und Gänge, endlos scheinende Flure, aber kaum zehn sachgerechte Arbeitszimmer. Ein Neubau wird daher in regelmäßigen Abständen gefordert. Als jetzt ein abermaliger Vorstoß gemacht wurde, meldete sich jedoch auch hier der „Abgeordnete Heinz Kühn“ zu Wort. Er sah schon Kosten in Höhe von hundert Millionen Mark auf den Landesetat zukommen und wehrte ab: Der alte Landtag ist zwar nicht zweckmäßig, aber auch nicht schlecht. Was fehle, sei vor allem eine bessere Belüftung. Immerhin wird seit zwanzig Jahren an diesem museumsähnlichen Haus am Schwanenspiegel viel Geld verschwendet. Jetzt ein neues Parlament zu bauen, würde „nicht in die konjunkturpolitische Landschaft passen“, so merkte Oppositionsführer Heinrich Köppler an, dessen CDU-Fraktion sich zunächst für einen Neubau ausgesprochen hatte.

Was aber Hortens Villa angeht, so empfahl ein Parlamentarier dem Kaufhaus-König: „Schenken Sie Ihren Kasten der Arbeiterwohlfahrt, und wir alle haben Ruh!“

Horst-Werner Hartelt