Bis auf wenige Ausnahmen sind die Industriebetriebe in der britischen Provinz Ulster (Nordirland) bisher von den Unruhen verschont geblieben. Das gilt besonders für die nach Arbeitsbedingungen, Betriebsklima und sozialen Leistungen zumeist als vorbildlich geltenden Unternehmen ausländischer Investoren. So berichtet die Niederlassung der deutschen Farbwerke Hoechst, daß es trotz der anhaltenden Straßenschlachten nicht einmal Auseinandersetzungen oder Unruhen unter der Belegschaft gegeben habe. Als Grund dafür nennen Landesregierung und Industrielle die Angst der Arbeitnehmer, ihre Jobs zu verlieren.

In der 1,5-Millionen-Einwohner-Provinz beträgt die Arbeitslosigkeit durchschnittlich knapp acht Prozent, zweimal soviel wie in den anderen Teilen Großbritanniens. Allerdings: Der Anteil der Arbeitslosen liegt bei den erwachsenen Katholiken weit höher als unter den Protestanten, In der Landeshauptstadt Belfast haben zum Beispiel 45 Prozent der erwachsenen Katholiken keinen Job, in Londonderry 27 Prozent. Unparteiische britische Untersuchungskommissionen haben herausgefunden, daß die nordirischen Arbeitsämter und lokalen Verwaltungen Katholiken bei der Vergabe von Arbeitsplätzen absichtlich benachteiligen, denn zwei Drittel der Einwohner sind Protestanten. Und Protestanten beherrschen die öffentliche Verwaltung, auch in Gemeinden mit katholischer Einwohnermehrheit.

Pro Jahr wandern zwischen 6000 und 7000 Nordiren aus, weil sie keinen Arbeitsplatz finden. In dem bis 1975 befristeten Fünf jahresplan sollen daher 40 000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Im vergangenen Jahr konnten knapp 6500 neue Arbeitsplätze eingerichtet werden. Die Hälfte wurde allerdings nicht von bis dahin arbeitslosen Menschen eingenommen, sondern von Abwanderern aus anderen Bereichen.

Die nordirische Regierung versucht, ihr Arbeitsbeschaffungsprogramm mit ausländischer Hilfe zu verwirklichen und lockt mit Vergünstigungen: Maschinen und Einrichtungen können in einem Jahr abgeschrieben werden, verlorene Zuschüsse zwischen 20 und 40 Prozent werden gewährt (für Gebäude bis zu 55 Prozent), 75 Prozent Grundsteuerermäßigung, Ausbildungsbeihilfen für die Arbeitnehmer und andere Hilfen. Alles in allem werden für das Industrialisierungsprogramm jährlich mehr als 500 Millionen Mark ausgegeben.

Unter den 290 in Nordirland produzierenden Firmen sind neun deutsche, von denen sieben über ihre ursprünglichen Pläne hinaus expandiert haben. Die wichtigsten sind Hoechst, Grundig, Olympia-Werke (Wilhelmshaven) und Ankerwerke (Bielefeld).

Als die Farbwerke Hoechst ihr Tochterunternehmen in Limavady bei Londonderry bauten, erhielten sie 40 000 Bewerbungen für die geplanten 700 Arbeitsplätze.

Die Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes hat dazu geführt, daß die Zahl der durch Streik verlorenen Arbeitstage 1970 um zehn Prozent zurückging. In Großbritannien stieg sie dagegen um mehr als 60 Prozent. Mit einer Steigerungsrate der Industrieproduktion von 5,2 Prozent lag Nordirland im vergangenen Jahr ebenfalls fast 100 Prozent über der Rate Großbritanniens.

Wegen der seit 1969 anhaltenden blutigen Unruhen ist die Investitionsfreudigkeit britischer und ausländischer Firmen in Nordirland rückläufig. Bürgerkriegsschäden an Fabriken werden von der Landesregierung zwar großzügig ersetzt, doch die Unternehmer fürchten den Produktionsausfall. Bisher, wie es scheint, allerdings zu Unrecht. ih