Der anatomische Aufbau des Sprechapparates war beim Neandertaler noch so primitiv, daß er eine als Sprache zu bezeichnende Kommunikationsform gar nicht hätte meistern können. Die „Fehlentwicklung“ des Neandertaler-Sprechorgans war möglicherweise die Ursache für das Aussterben dieses Eiszeit-Menschentyps vor 40 000 bis 70 000 Jahren.

Zu diesen Schlußfolgerungen kommen die amerikanischen Mediziner Philip Lieberman und Edmund Crelin in „Linguistic Inquiry“ (Nr. 3, 1971). Den Wissenschaftlern war bei der Untersuchung von Neandertalerknochen aufgefallen, daß der Sprechapparat dieses Altmenschen dem eines heutigen Kleinkindes sehr ähnlich gewesen sein muß. Außerdem bemerkten sie eine Ähnlichkeit der Neandertaler-Schädelform mit der sprechunfähiger, mongoloider Kinder von heute.

Von diesen Übereinstimmungen angeregt, rekonstruierten die Mediziner nach Methoden der vergleichenden Anatomie und unter Verwendung eines Computerprogramms die Charakteristika des Neandertaler-„Vokalapparates“ und dessen Eignung zum Sprechen. Das Ergebnis: Der Kehlkopf war beim Neandertaler so hoch am Hals angeordnet, daß die für die Bildung von Konsonanten und Vokalen notwendige Rachenhöhle („Orgelpfeife“) nur andeutungsweise existierte. Wie neuzeitliche Kleinkinder oder Affen konnte er zwar ohne Erstickungsgefahr gleichzeitig atmen und schlucken, sein Stimmapparat entwickelte aber nie eine deutliche Dreikammer-Struktur von Kehlkopf, Rachenhöhle und Mund, wie sie sich bei jedem aufwachsenden Homo sapiens allmählich einstellt.

Diese Unterlegenheit auf linguistischem Gebiet mußte sich für ein erfolgreiches Bestehen im Konkurrenzkampf sehr ungünstig auswirken, meinen Lieberman und Crelin; möglicherweise war das Zurückbleiben gegenüber Menschentypen mit höherentwickelten Sprechmechanismen eine Hauptursache für das Aussterben des Neandertalers.

F. A.