Für George Jackson, den „Soledad-Bruder“ und schwarzen Revolutionär hinter Gittern, ist das Urteil erfüllt: „One year to live.“ Mehr als zehn Jahre lang hatte er, auf unbestimmte Zeit wegen eines im jugendlichen Alter begangenen Einbruchdiebstahls (Beute: 70 Dollar) im Gefängnis gesessen, bis ihn letzte Woche bei einem – angeblichen – Ausbruchsversuch die tödliche Kugel eines Wächters noch innerhalb der Mauern traf.

Die Schlagzeilen über den Mord an drei Aufsichtsbeamten und zwei Kalfaktoren des kalifornischen Zuchthauses San Quentin verdeckten nur unzulänglich, daß dort am gleichen Tag auch eine amerikanische Tragödie ihren Abschluß gefunden hat: Jackson war kein Revolutionär, als er 1960 verurteilt wurde. Erst die Haft hat ihn zum Anhänger – und Literaten – der Gewalt gemacht. Es waren die unmenschlichen Bedingungen eines Strafvollzugs, in dem der Rassenhaß und die Willkür primitiver Bewacher „zu einem langsam schwelenden Feuer des Widerstandes führen, bis sie endlich in der offenen Revolte explodieren“. Mit eben diesen Worten hat ein amerikanischer Gerichtshof in einer Haftbeschwerde-Entscheidung in Sachen Jackson 1966 geradezu prophetisch die unheilschwangere Atmosphäre von Soledad und San Quentin beschrieben. Moderne Anstalten, als Muster für einen humanitären Vollzug geschaffen, wurden zur Folterkammer für ihre schwarzen Insassen und folgerichtig zu Brutstätten revolutionärer Gewalt.

Den Bürger schaudert, wenn er liest, daß den Ermordeten in San Quentin die Kehle mit Rasierklingen durchschnitten wurde. Doch wer hat zur Kenntnis genommen, daß ein weißer Wachmann vom Beobachtungsturm in Soledad aus drei Neger erschoß, die sich–unbewaffnet – mit anderen Gefangenen prügelten? Der Wachmann wurde wenig später tot in der Anstalt aufgefunden. Jackson, und seine „Soledad-Brüder“ sollten ihn ermordet haben. Der Prozeß gegen den Autor der Briefe aus dem Gefängnis – „Soledad-Brother“ – findet nun nicht mehr statt.

H. Sch.