Von Robert Neumann

Ich halte nichts von Futurologen. Sie programmieren ihre Denk-Computer mit acht bis achtzehn Daten, um einen Vorgang vorauszusagen, in dessen Maschinerie die Natur gleichzeitig schon achtzehntausend ihnen unbekannte Daten hineinprogrammiert hat. Acht bis achtzehn – so viel liest auch jede bessere Wahrsagerin aus dem Gesicht und Gerede des Klienten, der ihr gegenübersitzt. Kurzum, keine Futurologen für mich.

Daß ich trotzdem drei bemerkenswerte am Rand ihres Kongresses unlängst aufpickte – nicht im Saal, Gott behüte –, das war eine Bestätigung meines Grundsatzes, nie, bei keinem Kongreß welcher Art immer, den Saal zu betreten; die Menschen trifft man draußen.

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Futurologe Nummer eins war eine Futurologin. Sie kam aus Peking – oder war sie eben wieder einmal auf dem Weg dorthin, kam sie aus New York? Sie hatte Häuser oder Apartments überall. Sie war offenbar sehr reich – und Maoistin. Sie überzeugte mich von der Großartigkeit des neuen China vom Fleck weg. Vom ersten Drink weg. Ich wußte nicht, daß man so blitzgescheit und weltgewandt und weltweit begütert und dazu Maoist sein kann.

Ah, eine großartige Frau. Auch Ärztin ist sie. Ihr Spezialgebiet: Geburtenregelung in Entwicklungsländern.

Sie sagte: „Eine Nebenfolge des weltweiten Gesichtsverlustes der USA in den letzten Jahren ist, daß alle sogenannten Farbigen, welcher Farbe immer, alle .Weißen’, die des Westens vor allem, moralisch, also antimoralisch mit den Amerikanern gleichsetzen. Die ungezählten Aggressionen der USA seit 1945, vor allem ihre ungezählten My Lais in Vietnam, haben da mit- oder nachgeholfen. Ich möchte nicht so weit gehen zu sagen, daß in den Entwicklungsländern alles, was ‚weiß‘ ist, stinkt – aber es ist jedenfalls mit Mißtrauen aufzunehmen. Ich meine dabei nicht die Privilegierten, die die Gelder einstecken, sondern the rank and file, die Armen. Sie sind die Träger des Massenelends – und der Bevölkerungsexplosion. Ich komme in all diese Länder, und ich bin ja doch selbst farbig, ‚gelb‘, nicht wahr. Sie sagen, Sie hätten es nicht bemerkt, das ist für mich keine Ehre, ich bin stolz darauf, gelb zu sein – jedenfalls: seit My Lai und dem, was Moskau daraus gemacht hat (mit Recht!), seither also komme ich mit meiner Aufklärungsarbeit über Geburtenregelung nicht weiter. Das hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet: Genozid! Die Weißen raten uns Farbigen, daß sich unsere jungen Männer sterilisieren lassen, sie geben unseren Frauen Gift und Pillen ein, nur weil sie wissen, daß es mit ihrer Überlegenheit zu Ende ist und daß wir sie dann erdrücken werden. Das werden wir auch. Bekommt eine Frau vierzehn Kinder und sterben von denen neun, so bleiben immer noch fünf, die der Trost unseres Alters und die Vernichtung der Amerikaner sind.“