Daß Menschen krank werden, ja sogar sterben, weil sie längere Zeit ungeschützt die Luft in einer Großstadt einatmen, gehört weniger zu den Visionen der Autoren von Zukunftsromanen als zu den realistischen Befürchtungen von Ärzten und Biologen, die auf zunehmende Mengen von Blei, Zink, Kohlenmonoxid und Schwefel in der Atmosphäre unserer Metropolen hinweisen. Inzwischen wurden in der wissenschaftlichen Literatur auch die ersten Todesfälle durch solche Vergiftungen beschrieben. Sie betrafen glücklicherweise keinen Menschen, sondern Tiere in Freiluftgehegen des Staten Island Zoo in New York.

Im November letzten Jahres erkrankte dort ein elf Monate alter Leopard. Er wurde schwächer, verlor seine Haare und weigerte sich zu fressen. Man brachte ihn in die pathologischen Laboratorien der Universität von New York, wo man keine Krankheit entdecken konnte. Dennoch starb das Tier nach 24 Stunden. Zwei Wochen später erkrankte ein anderer schwarzer Leopard mit dem Namen Mister Leo Pard; Man fand ihn gelähmt in seinem Käfig. Wieder ließ sich zunächst keine Krankheit nachweisen, doch dann entdeckte der Toxikologe Dennis Craston in den Haaren, im Blut und Kot des Tieres hohe Mengen von Zink und Blei. Nun prüfte man auch die Organe des ersten, toten Leoparden und fand auch hier hohe Konzentrationen derselben Metalle.

Nach sechs Wochen intensiver Behandlung wurde Mr. Leo Pard in sein Gehege zurückgebracht, wo er aber alsbald wieder an Lähmungen erkrankte und sein Bleispiegel im Blut erneut anstieg. Man brachte ihn zurück in die Tierklinik. Dort – so berichtet Robert J. Bazell in Science (Vol 173, S. 130, 1971) – sieht er heute seiner Genesung entgegen. Nun entschloß sich ein Team von Pathologen der Medizinischen Fakultät von New York, systematisch die Zootiere auf Bleivergiftung zu untersuchen. Mit einem Schlag klärte sich eine Reihe rätselhafter Leiden, die in letzter Zeit den Zoopflegern zu schaffen gemacht hatten. Schlangen waren gestorben, nachdem sie die Fähigkeit zur Koordination ihrer Muskeln eingebüßt hatten und nicht mehr richtig kriechen konnten. In den erhaltenen Präparaten fand man hohe Bleikonzentrationen. Stichproben von Haaren, Blut und Kot einer Reihe anderer Tiere – von Raubkatzen bis zu Menschenaffen – ergaben Bleikonzentrationen, die weit über dem Spiegel lagen, den man beim Menschen für harmlos hält. Selbst eine große Eule, die auf einmal ihre Federn verlor, erwies sich als Opfer einer Bleivergiftung.

Um die Quelle des gefährlichen Metalls aufzuspüren, prüften die New Yorker Pathologen die Wasserversorgung des Zoos und testeten die Tiernahrungsmittel, die Einstreu und den Anstrich der Wände. Nur in diesem ließen sich Bleigehalte von 0,01 bis 3 Prozent nachweisen – ein Befund, der für sich selbst spricht, denn alle diese Farben waren als bleifrei verkauft worden! Doch als weit wichtiger erwiesen sich Stichproben aus Gräsern, Bäumen und Erde im zoologischen Garten selbst. Die Oase der Natur im Verkehrsgetümmel zeigte sich hochgradig verseucht: Man fand Mengen von bis zu 3900 Mikrogramm pro Milligramm Trockengewicht, das ist mehr als man an den Rändern der befahrendsten Autobahnen entdeckt hat. Ralph Strebel und seine Mitarbeiter schließen daraus, daß es vor allem atmosphärisches Blei aus Auspuffgasen ist, das die Zootiere vergiftete.

Zweifellos sind die Auspuffgase für die Bleivergiftung verantwortlich, die ein Forstwissenschaftler der Yale-Universität in New Häven (US-Staat Connecticut) nachgewiesen hat. Professor William H. Smith, der, seinen Befund in der vorigen Woche bei der Jahrestagung der amerikanischen Gesellschaft für Phytopathologie bekanntgab, hatte Teile von Ahornbäumen aus der Innenstadt von New Haven zunächst gründlich gewaschen und dann auf ihren Metallgehalt untersucht. Dabei ermittelte er einen Bleianteil von 0,167 Promille der Trockensubstanz in den Zweigen und 0,096 Promille in den Blättern. In verkehrsarmen Gebieten liegt der Bleigehalt dieser Baumsorte bei 0,001 Promille der Trockensubstanz. Das rund hundertfach vermehrte Blei in den Bäumen könne die Synthese des Blattgrüns (Chlorophyll) dieser Pflanzen erheblich hemmen und deshalb die Schuld an der deutlich verminderten Widerstandskraft und den schlechten Gesundheitszustand der Stadtbäume tragen, erklärte der Wissenschaftler.

Inwieweit Analoges – Blei hemmt im Säugetierorganismus die Synthese des Blutfarbstoffs Hämoglobin – dem Stadtmenschen widerfährt, ist noch nicht klar. Bleivergiftung ist zwar ein ernstes medizinisches Problem – vor allem in den USA; sie kommt aber hauptsächlich bei Slumkindern vor, die abblätternde, bleihaltige Farbpartikel verschlucken. Man rechnet damit, daß auf diese Weise in jedem Jahr 400 000 amerikanische Kinder an Bleivergiftung erkranken, 200 davon müssen gar daran sterben und etwa 800 tragen bleibende geistige Schäden davon, die sie für den Rest ihres Lebens zu einem Anstaltsdasein verdammen.

Jahrelang wußten die Ärzte die Kopfschmerzen und die Unruhe vieler Kinder nicht zu deuten, ehe man systematisch nach Bleivergiftungen suchte und einen recht hohen Prozentsatz der Slumbewohner befallen fand. Möglicherweise ist daran auch die verseuchte Luft zumindest als zusätzliche Bleibelastung beteiligt. Jedenfalls glauben Strebel und seine Mitarbeiter, daß die Tiere im Zoo von Staten Island nur besonders empfindliche Indikatoren einer allgemeinen Vergiftung sind, die sie zur Zeit in Tests an menschlichen Umwohnern des Zoogeländes nachweisen wollen. Wolfgang Schmidbauer