Von Ernst Wendt

Wenn man die mit viel Publizität vorwegbedachte „europäische Erstaufführung“ von George Taboris Vietnam-Stück „Pinkville“ in der Dreieinigkeitskirche von Rudow,. einem Berliner Vorort, gesehen hat, fühlt man sich, nach einem Abend gefühlsseliger Antikriegslieder, spektakulärer Schinderrituale und artistisch geturnter Vietnam-Greuel, in die Arme des guten alten Dokumentartheaters zurückgetrieben. Aber man erinnert sich noch, Peter Weissens Vietnam-Diskurs fällt einem ein, auch das ja nur ein sehr fragwürdiger Aufenthaltsort. Doch wieviel Information, wieviel Erkenntnismöglichkeit war in den redlich journalistischen oder polemisch montierenden Stücken der Theaterdokumentaristen noch enthalten, und wieviel Schock wäre in einer irrwitzigen Farce denkbar gegenüber den irrationalen Liturgien, die sich im amerikanischen Underground herausgebildet und inzwischen zu einer Theatermode jenseits aller Wirklichkeit perfektioniert haben!

Tabori, der in seinem Stück „Kannibalen“ bereits das Menschen- und Unmenschenverhalten in Konzentrationslagern in merkwürdige theatralische Rituale gebracht hatte, hat nach einem ähnlichen Muster das Massaker von My Lai zu einem eher religiösen als politischen Vorgang stilisiert. Sowohl der Krieg wie das, was einzelne in ihm tun und anderen antun, scheint hier als existentiell „verhängt“, nach irgendwelchen Ursachen – politischen, ökonomischen – wird gar nicht erst gefragt. Der Soldat als Eigentum seines Landes; das Gewehr ein Instrument, mit dem er sich identifiziert; das Morden eine Ersatzhandlung, die sich aufzwingt, wenn einer aller Individualität, aller Rationalität, aller Moralität beraubt worden ist: Tabori zeigt das als szenische Studien über die Erzeugung kollektiver Aggressionen, am Anfang in effektvoller Theatralik nach dem Modell, welches das Living Theatre uns vor Jahren mit „The Brig“ geliefert hat.

Tabori fügt dem nur eines hinzu: Er konzentriert, was beim Living-Theatre ein vages mystisches Raunen blieb, in einer Pseudo-Christusfigur, dem GI Jerry, der sich anfangs der Erziehung zur Gewalt widersetzt, dann aber das Unrecht auf sich lädt, indem er die Greuel akzeptiert und sich zum Motor der Vernichtungsmaschine macht. Freilich: Taboris religiöse Assoziationen – Jerry erinnert sich visionär an einen Kindermord, bei dem die „Bullen von den Bergen“ kamen, er findet sich am Schluß auch auf wundersame Weise am Kreuz –, diese religiösen Anspielungen schienen mir so beliebig, wie es Taboris Selbstäußerungen zum Stück bereits vermuten lassen: „Pinkville“, sagt er, „wurde vor mehr als einem Jahr als Totenmesse für die St. Clement Kirche geschrieben. Für den Text benutzte ich einige der öffentlich gemachten Zeugenaussagen der Mörder, Später, als uns bewußt wurde, daß Gott diesen schreienden Kindergarten, allgemein bekannt als My Lai oder Son My, verlassen haben mußte, wurde das Stück weltlicher, obwohl ich mich an die quasiliturgische Form hielt. Was schließlich ist eine Messe anderes als eine Mordgeschichte mit Musik und einer Collage von bekannten Zitaten?“ Und als Ziel des Stückes nennt Tabori: „Uns gemeinsam an diesem Ort zu versammeln, wo wir noch unsere Gabe zur Barmherzigkeit wiederbeleben können. Ohne das werden Unschuldige weiterhin massakriert...“

Da muß nun energisch widersprochen werden: Die Unschuldigen werden täglich weiter massakriert, ganz egal, ob wir uns in der St. Clement Church oder in der Dreieinigkeitskirche in Berlin versammeln; und ganz egal, ob uns dabei ein Theaterstück zur Barmherzigkeit zurückverhilft oder nicht. Die Barmherzigkeit eines erlesenen Publikums sowohl theatralisch wie politisch Eingeweihter hilft allenfalls jenem vietnamesischen Kind, das während dieser Aufführung ausführlich seinen kindlichen Charme produziert – falls es an den Einnahmen der Aufführung, die das Ensemble sich teilt, partizipieren sollte.

Im übrigen trägt die Aufführung, bei der sich der Regisseur Tabori in der Zusammenarbeit mit Schülern der Max-Reinhardt-Schule vom Autor Tabori und seinem ursprünglichen Text offenbar immer weiter in nicht-sprachliches Spiel entfernt hat, nur zur Verdunkelung dessen bei, was doch heute selbst schon in Illustrierten informativer und sogar bewegender, zur Barmherzigkeit anstiftend, ausgebreitet wird. Die einerseits yogahafte, andererseits schrill expressionistische Spielmethode, die zwischen Spiritualisierung und Revue, zwischen meditativem Gesumme und schrillem Exzeß nicht zum Denken findet, scheint mir alles, was in Taboris Libretto einmal an politischer Wut und unreflektierter Agitation noch enthalten war, gänzlich aufgesogen zu haben. Die Aufführung geht in ihrer eigenen Choreographie immer mehr unter, sie wühlt sich in szenische Bilder ein, die nur noch mühsam durch Songs zusammengehalten werden: Vietnamesische Frauen zucken unter einem weißen Leichentuch; Soldaten und Vietnamesen krümmen sich und jammern unterm gleichen elektronisch-musikalischen Granatfeuer; Jerry wird zu Kreuze getragen unter einem Napalm-Song; alle Spieler umkreisen ein Miniaturmodell des Weißen Hauses und wiederholen die ihnen eingeübte Formel „Kill, kill“. Am Schluß ziehen die männlichen Darsteller sich nicht nur die Uniformen, sondern auch die zivilen Unterhosen aus und werfen alles, dessen sie sich entledigt haben, auf einen Haufen.

Da hat dann die Mystifizierung ihren „logischen“ Höhepunkt erreicht: Wenn wir alle genügend nackt wären, hätten dann die Greuel, die Kriege ein Ende? Das Bild der nackten Männer taugt zu nichts – außer zum Beweis, wie progressiv man sich heute bereits in Kirchengebäuden theaterspielend gebärden kann und wie naiv man sich heute – auf Grund der Reklame für solche Progressivität – zu blutig-politischen Themen äußern darf. Das widerspruchslose Publikum sitzt dabei eingeschüchtert in der Theaterkirche.