München

Franz Schönhuber, Kommunalkolumnist der Abendzeitung, meinte noch vor einem Jahr, Münchens Polizeipräsidenten Manfred Schreiber zwei Eigenschaften attestieren zu können, „die sowohl bei den etablierten wie progressiven Genossen Mangelware sind“: nämlich Humor und Selbstironie. Das war zu einer Zeit, da Polizei-Boß Schreiber noch als Nachfolgekandidat für den sichtlich amtsmüden Oberbürgermeister Vogel in mancherlei Gerede war. Manfred Schreiber, der sich als Erfinder der sogenannten „elastischen Münchner Polizeilinie“ über die Landesgrenze hinweg feiern ließ, der zu seinem Dienstantritt im Jahre 1963 einen Polizeipsychologen angeheuert hatte und der in Bild und Wort den Eindruck erweckte, eine gelungene Mischung zwischen Perry Mason und einem bayerischen Salonlöwen zu sein.

Inzwischen hat Schreiber („Ich möchte Mensch bleiben“) den vielfältigen Initiativen um seine OB-Kandidatur ein Ende bereitet. Und inzwischen fragen sich nicht wenige Münchner, was es mit dem Humor und der Selbstironie ihres Ober-Sherifs noch auf sich hat.

Dabei geht es natürlich weiterhin um die Schüsse in der Prinzregentenstraße, die einen Bankräuber und eine Geisel töteten. Vor allem aber geht es um das Echo jenes Schießbefehls, den Oberstaatsanwalt Erich Sechser erteilte und den Polizeipräsident Schreiber zu rechtfertigen suchte, wann immer er danach gefragt würde. Als sich der Duisburger Polizeipräsident in die Diskussion einschaltete, da kamen aus dem Münchner Polizeipräsidium nur noch beleidigte Reaktionen, verbunden mit Verdächtigungen, die aus der traurigen Affäre einen Kleinkrieg heftiger Worte werden ließen.

Jürgensen bediente sich des Pressedienstes der „Demokratischen Aktion“, um sein Bedauern darüber auszudrücken, daß sein Münchner Kollege Schreiber (44) in Sachen Schießbefehl vor den Konservativen aus Opportunitätsgründen in die Knie gegangen sei. Dabei sei es, so Jürgensen, wenig glaubwürdig, wenn Schreiber sich dabei auf eine „innere Wandlung“ auf Grund seiner achtjährigen Erfahrung als Polizeipräsident berufe.

Was Jürgensen nicht in Worte faßte, hatten die Beobachter der blutigen Szene in der Prinzregentenstraße unschwer beobachten können. Befehlshaber Sechser, Mitglied der CSU, war bei seinem Einsatz gegen die Millionenerpresser vor- – nehmlich von prominenten CSU-Politikern umgeben. Münchens CSU-Chef Erich. Kiesel als Staatssekretär im Innenministerium, CSU-Mann Hans Steinkohl als Bürgermeister, Franz-Josef Strauß als neugieriger Zuschauer. Den Hintergrund zu Jürgensens Vorwürfen bildeten sicherlich die Pläne, Münchens Polizei zu verstaatlichen, das heißt die Beamten mitsamt ihrem sozialdemokratischen Chef dem Innenministerium, also einem christlich-sozialen Minister zu unterstellen.

Schreiber reagierte auf die Vorwürfe des Kollegen aus dem Kohlenpott mit ungewöhnlicher Schärfe: Die sogenannte „Demokratische Aktion“ und Herr Polizeipräsident Jürgensen seien für Eingeweihte zu bekannt, als daß eine Diskussion mit ihnen sinnvoll wäre. Zwischen Schreiber und der „Demokratischen Aktion“ herrscht ein eskalierendes Spannungsverhältnis, seit es der NPD im Januar 1969 gelungen war, eine Kundgebung der Demokratischen Aktion zu sprengen. Damals wurde Schreibers Einsatzführung heftig kritisiert. „Seit diesem Zeitpunkt ist Schreiber auf uns schlecht zu sprechen“, meint DA-Geschäftsführer Kurt Hirsch. Noch während der konservative Münchener Merkur vermutete: „Hier scheint sich nunmehr der zunächst nur lokale Konflikt zwischem dem SPD-Flügel um Oberbürgermeister Vogel und Schreiber mit den teils linksextremen Kräften in der Münchner Parteiorganisation auf überregionale, bundesweite Ebene zu verlagern“, nahmen die Münchner Jusos ihren Intimfeind Schreiber wieder einmal ins Visier.