Duisburg

Deutschlands Polizeipräsidenten leben gefährlich; nach Frankfurts Littmann und Münchens Manfred Schreiber geriet nun auch der dienstälteste Polizeichef der Bundesrepublik, der Duisburger Hans Jürgensen (60), in die Schußlinie. Die oppositionelle CDU der Stadt fordert lautstark seinen Kopf, weil er sich despektierlich über den Denk- und Sprachstil der Adenauer-Ära geäußert hat. Die lokale Kontroverse läßt kaum noch etwas von den Anfangsgründen der Affäre ahnen. Aus Sorge um die Polizei im allgemeinen und um sein Haus im besonderen, so sieht er es selbst, brach Jürgensen, der sich gelegentlich rühmt, seit 1929 SPD-Mitglied zu sein, mit seinem Münchner Amtskollegen und Parteifreund Schreiber einen heftigen Streit vom Zaun.

Als er am 16. August aus dem Urlaub zurückkehrte, fand er, nach seinen eigenen Worten, die Beamten seiner Behörde verstört und unsicher vor. Der Schießbefehl beim Münchener Bankraub und das naßforsche Auftreten des Oberstaatsanwaltes Sechser ließen sie an den Rechten der Polizei zweifeln. Der Jurist auf dem Präsidentenstuhl trachtete die Moral seiner Truppe durch einen „internen Ukas“ wiederaufzurichten. In einer Rechtsbelehrung formulierte er den „Standpunkt des Polizeipräsidenten“: Der Paragraph 152 des Gerichtsverfassungsgesetzes, auf den sich Sechser berufen habe, gebe der Staatsanwaltschaft keine Grundlage zum Eingreifen. Die Polizei dürfe das Heft bei solchen Aktionen auf keinen Fall aus der Hand geben.

Unerschrocken bedachte Jürgensen seinen Amtsbruder in der bayrischen Landeshauptstadt mit harten Vorwürfen: Er zieh Schreiber der Feigheit vor dem gemeinsamen Feind. Der Kollege sei in Sachen Schießbefehl „vor den Konservativen aus Opportunitätsgründen in die Knie gegangen“. Schreiber habe erkennen müssen, daß Oberstaatsanwalt Sechser „nur deshalb diese Rolle der Polizei gegenüber habe spielen können, weil er sich von vornherein des Beifalls der konservativen Kräfte in Justiz und Regierung sicher fühlte“.

Der Angegriffene reagierte verbittert: „Die sogenannte Demokratische Aktion (in deren Pressedienst Jürgensen seinen Kollegen angegriffen hatte) und Herr Polizeipräsident Jürgensen sind für Eingeweihte zu bekannt, als daß eine Diskussion mit ihnen sinnvoll wäre.“ Er lehne es ab, aus dem Tode zweier Menschen, „das Geschäft bestimmter Kreise mit Hilfe des plaudernden Herrn Jürgensen zu fördern“.

Die bestimmten Kreise – das sind unter ande-.. rem Carl Amery, Münchens Ex-Bibliotheksdirektor, Erika Runge, Kulturpreisträgerin der Olympiastadt, der Schriftsteller Martin Walser und der Publizist Bernt Engelmann. Sie gehören dem 23köpfigen Presseausschuß der Demokratischen Aktion an, die 1968 als Anti-NPD-Bund gegründet wurde und heute bei vielen Bayern in den Geruch kommunistischer Lenkung geraten ist. Nachdem Schreiber seinen Kollegen an die Seite linksextremer Kräfte gerückt hatte, rächte sich Jürgensen, indem er den Parteigenossen rechter Neigungen verdächtigte.

Dort fiel auch der Satz, der schließlich die Duisburger CDU in Rage brachte, die bis dahin wenig Neigung gezeigt hatte, in den Streit unter Genossen einzugreifen, und der den lokalen, eher komödiantischen Teil der Auseinandersetzung eröffnete. Den Hinweis Schreibers, „Eingeweihte“ wüßten um die unseriösen Qualitäten Jürgensens und der Demokratischen Aktion, charakterisierte Duisburgs Polizeichef als „Denkmuff und Sprachmief aus der Ära Adenauer, mit dem damals die innenpolitische Atmosphäre vergiftet wurde“.