DIE ZEIT

Willkür oder Gewissen

Die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen eine Frau abtreiben darf, ist keine Frage ihrer Emanzipation." Mit diesem Kernsatz, an dem er die Reform des Strafgesetzparagraphen 218 ausrichten will, hat der sozialdemokratische Bundesjustizminister Gerhard Jahn den weiblichen Volkszorn herausgefordert.

Berlin als Dosenöffner

Die Ostpolitik entwickelt sich in einem Tempo, das manchem den Atem nimmt. Die Unterzeichnung des Berlin-Abkommens, Schüsse an der Mauer, schwierige deutsch-deutsche Verhandlungen in Bonn und Berlin, dann die überraschende Einladung der Sowjetführung an den Bundeskanzler – man muß schon ein paar Schritte vom Aktualitäten-Tableau zurücktreten, um von der Fülle widersprüchlicher Erscheinungen nicht schwindlig zu werden und den Grundraster wieder klar zu erkennen.

Hairforce

Das Bataillon“, schrieb ein Kommandeur der Bundeswehr in einem Tagesbefehl über die Haar- und Barttracht der Soldaten, „ist der Ansicht, daß der Soldat den Zeitpunkt, ab dem er sich persönlich zu entfalten beabsichtigt, indem er Kopfhaar und Bart wachsen läßt, selbst bestimmen kann.

Nicht zum Lachen

Politikern, die im Wahlkampf stehen, billigt man eine gewisse Narrenfreiheit zu. Niemand regt sich bei solcher Gelegenheit ernsthaft über die erweiterten Bandbreiten der Wahrheit auf.

Gehlens Geschoß

Ob die Publicity-Sucht unserer Zeit wirklich eine so große Versuchung darstellt, daß selbst Reinhard Gehlen, der Bescheidenheit, Schweigsamkeit, Unauffälligkeit kultivierende Mann, ihr erlegen ist? Aus allen Sendern tönt es, in allen Blättern rauscht es: Showbusineß.

ZEITSPIEGEL

Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ hat eine von der vereinbarten gemeinsamen deutschen Fassung abweichende Version veröffentlicht.

Ist Vernunft meßbar?

In Paragraph 9 der Straßenverkehrs-Ordnung heißt es: "Der Fahrzeugführer hat die Fahrgeschwindigkeit so einzurichten, daß er jederzeit in der Lage ist, seinen Verpflichtungen im Verkehr Genüge zu leisten, und daß er das Fahrzeug nötigenfalls rechtzeitig anhalten kann.

Tempo 100 ist nicht genug

Die Unfallstatistik des Jahres 1970 ist eindeutig. Die meisten Verkehrstoten gab es auf den Landstraßen: 9753. In geschlossenen Ortschaften kamen 8480 Menschen ums Leben, auf den Autobahnen 944.

Zur Probe

Autofahrer sind erbost: Man will ihnen die Freiheit nehmen, auf den Landstraßen beliebig schnell zu fahren. Die Industrie protestiert: Sie befürchtet, daß der Tempo-100-Verfügung alsbald eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf den Autobahnen folgen wird, und bangt deshalb um den Absatz ihrer schnellen Autos.

Vorwärts mit dem „Vorwärts“

Fünfundneunzig Jahre alt, will die betagte Dame künftig weniger auf die Linie und mehr auf ihr Profil achten. Von der „Tante Vorwärts“, wie das 1876 gegründete Traditionsblatt der Sozialdemokraten oft eher abschätzig denn liebevoll genannt wird, soll nichts mehr bleiben.

Drama ohne Ende?

Irgendwo bei 84 Megahertz sendet der Polizeifunk von Belfast, und die ortsansässigen Journalisten stellen, sobald allabendlich die erste dumpfe Explosion zu hören ist, ihre Spezialtransistorgeräte an.

Auf der Suche nach Rosinen

Die Schüsse vom Wochenende sind so unerträglich wie alle voraufgegangenen. Aber auch die geschickteste Diplomatie steht ihnen machtlos gegenüber.

Aufgeschoben – nicht aufgehoben

Die Kritik aus den Reihen der Bonner Opposition und ihrer publizistischen Gefolgschaft am Berlin-Abkommen hat sich vor allem auf die Erklärung der drei Westmächte an die Sowjetunion über den Status Westberlins konzentriert.

Klippen im deutschen Dialog

Das erste Zusammentreffen der Deutschen aus der Bundesrepublik und der DDR im Rahmen der Berlin-Verhandlungen gab einen Vorgeschmack davon, wie schwierig die innerdeutschen Verhandlungen über die Ausfüllung des Berliner Rahmenabkommens werden.

München contra Duisburg: Gefängnis oder Steinbruch?

Franz Schönhuber, Kommunalkolumnist der Abendzeitung, meinte noch vor einem Jahr, Münchens Polizeipräsidenten Manfred Schreiber zwei Eigenschaften attestieren zu können, „die sowohl bei den etablierten wie progressiven Genossen Mangelware sind“: nämlich Humor und Selbstironie.

Wenn Hamburg spart...: Ventile schließen

Sparen ist die Parole. Auch in der Freien und Hansestadt Hamburg – wenngleich noch nicht an allen Ecken. An der Ecke Neuer Jungfernstieg/Esplanade, zweifellos einer der teuersten in Hamburgs City, steht das vor etwa drei Jahren von der Hansestadt für 14,3 Millionen Mark gekaufte „ESSO-Haus“ seit dem Ankauf leer.

Duisburg contra München: Heft in der Hand

Deutschlands Polizeipräsidenten leben gefährlich; nach Frankfurts Littmann und Münchens Manfred Schreiber geriet nun auch der dienstälteste Polizeichef der Bundesrepublik, der Duisburger Hans Jürgensen (60), in die Schußlinie.

Dokumente der ZEIT

„Manche meinen, nun werde der Vier-Mächte-Status zu Grabe getragen. Das ist falsch. An den Verantwortlichkeiten der Vier Mächte ändert sich gegenüber dem bisherigen Zustand gar nichts, sie sind sogar bekräftigt worden.

Krisen-Herde

In Saigon haben sich die Auseinandersetzungen zwischen Staatspräsident Thieu und Vizepräsident Ky verschärft. Ky hat angedroht, in Südvietnam könne es zu einem Staatsstreich der Armee kommen, falls sich Thieu am 3.

Kampf im Finanzkabinett

Drei Tage lang bereitete das Finanzkabinett der Bundesregierung unter Vorsitz von Bundeskanzler Willy Brandt in der vergangenen Woche die Kabinettssitzung über den Bundeshaushalt 1972 und die mittelfristige Finanzplanung bis 1975 vor.

Die meisten Passagiere überlebten

Beim Absturz eines Charterflugzeugs der Münchrer Gesellschaft Paninternational wenige Kilometer nördlich von Hamburg sind am Montagabend 21 Passagiere und eine Stewardeß ums Leben gekommen.

Kritik an Moskau

Auf dem Balkan verhärten sich die Fronten gegen Moskaus Führungsanspruch. Zur gleichen Zeit übten der jugoslawische Präsident Tito und der rumänische Staatschef Ceausescu Kritik an der sowjetischen Politik.

Eine Hymne und eine Fahne

Mit der erwarteten Mehrheit – fast 100 Prozent – haben die Wähler in Ägypten, Syrien und Libyen der Föderation ihrer drei Länder zugestimmt: 99,9 Prozent in Ägypten, 96,4 Prozent in Syrien und 98 Prozent in Libyen gaben ihr „Ja“-Votum ab.

Spielzeitbeginn

Nun spielen sie wieder. Auch die Münchner Kammerspiele, haben: das Programm für die kommende Spielzeit vorgelegt.. Nachdem wegen der Entlassung.

Nur Fliegen ist noch schöner

Eines Tages mag es soweit sein: unbewegbar verkeilte Autos auf den Straßen, Stoßstange an Stoßstange, nichts geht mehr, der Verkehr hebt sich selber auf.

Abroad • Del extranjero • De l’étranger : Die Artisten in der Oase

Vom Flugzeug aus, zwischen Teheran und Shiraz, 900 Kilometer Entfernung, ein Blick wie auf den Mond: die unendlich sich langziehende graubraune vegetationslose Landschaft – Sandwüste, Steppe, kahle Gebirge –, dazwischen das helle Band einer asphaltierten Straße und von Zeit zu Zeit die in ein Tal, gegen eine Bergwand oder mitten in kilometerweite leergeputzte Flächen sich duckenden Ansiedlungen.

ZEITMOSAIK

Die Formen der Massenunterhaltung sind so niedrig wie die herrschenden Interessen ihrer Gesellschaftsordnung. Das Wort niedrig haben die aufgebracht, die es nicht mehr nötig haben, offen mit niedrigen Mitteln zu kämpfen.

Ernst ist das Leben als heiteres Kunstwerk

Im Düsseldorfer Kunstverein sind zur Zeit sechs dreiteilige, große Bilder zu sehen, alle im gleichen Format und wie geschaffen für den langgestreckten Raum, alle zu schlecht, um gut, und zu gut, um schlecht genannt zu werden.

Kunstkalender

Hamburg Bis zum 10. Oktober, Galerie von Loeper: „Jens Lausen“ Neue Bilder von Lausen, neue künstliche Landschaften. Seit sieben Jahren ist er mit dieser speziellen Thematik, mit der von ihm so genannten künstlichen Landschaft befaßt.

Ein Kampf um Bonn

Kurz vor Mitternacht begann die Demoralisierung der Streitmacht. Ein Trupp von Blechbläsern vom rechten Flügel der Kampfgruppe Ost fügte sich den zersetzenden Reden der Tuba und schlug sich seitwärts ins Museumsrestaurant.

Der Underground geht unter

Nostalgie ist das Stichwort der Saison, Wo immer junge Leute bis zwanzig zusammenkommen, Musik hören, miteinander reden, Filme drehen oder ansehen, da beherrschen weicher Beat und schöne Bilder, Verinnerlichung, gefühliger Selbstausdruck, Schmelz und Schmalz die Szene.

Kein Tod am Lido

Filmfestivals sind in erster Linie Eigenwertungen, deren Inhalte von staatspolitischen Ideologien bis zur Tourismusförderung reichen.

Mehr Macht für wenige

Es gibt drei Fernsehprogramme in Deutschland: das Erste Programm (ARD), das Zweite Programm (ZDF) und fünf regional begrenzte Dritte Programme von ARD-Anstalten (siehe Kasten).

Ende aller Utopien?

Die philosopische Sommerschule in Korčula: das Problem von Theorie und Praxis

KRITIK IN KÜRZE

„Wien – Spektrum einer Stadt“ von Hilde Spiel. An der Donau haben sich Kelten, Römer und Germanen, später Awaren, Türken und Magyaren, weiter Tschechen und Juden teils bekriegt, teils miteinander vermischt.

Einladung zum Phantasieren

Schwer, einzelnes abzuwägen, sich für oder gegen das Prinzip der Anordnung zu entscheiden, das so Unprinzipielles wie die Gedichte und Geschichten Christoph Meckels der Einfachheit halber in der Reihenfolge der Publikationen chronologisch gruppiert.

Alter Mann in der Schwebe

Die Romane Saul Bellows, den manche Kritiker für den bedeutendsten amerikanischen Nachkriegserzähler halten, verdanken ihren Ruhm der Synthese aus Intellektualität und Popularität, aus nicht allzu komplizierter Sensitivität und nicht allzu ärgerlicher Trivialität.

Nun sprechen die Kamele

Lieber Freund, so weit Allah und Jahwe reichen, gibt es Palmen und Kamele. Dort ist der Himmel flach, er spannt sich weit über die Erde.

Sozialwissenschaftler, Journalisten und Politiker suchen zu ergründen, warum mitten in der Wohlstandsgesellschaft Armut entstehen und fortdauern kann – ein Thema, das auch in der Literatur gerade erst erschlossen wird.: Inseln des Elends

John Kenneth Galbraith hat vor zwölf Jahren als erster auf das Paradox aufmerksam gemacht, daß mitten in der reichsten und mächtigsten Gesellschaft der Welt und im Widerspruch zu ihrem Selbstverständnis „Inseln“ des Elends existieren.

Klein-Chicago in Deutschland

Die Kinder spielen zwischen Mülltonnen und Abfallhalden. Von Zeit zu Zeit, besonders im Sommer, stoßen sie beim Spielen auf Ratten.

Armut in Amerika

Das Buch des Journalisten Flottau ist ziemlich brisant, trotzdem sachlich und meist unangenehm wahr: Das liebgewonnene Bild vom Traumland Amerika wird gründlich durchlöchert – mit einer Flut von kommentierten Statistiken über die Armut im Paradies, mit deprimierenden Schilderungen des Überlebenskampfes im Mississippi-Delta (wo eine Durchschnittsfamilie von sieben Personen mit 120 Dollar im Monat auskommen soll) und in den Slums der Großstädte, wo bis zu 20 Prozent der Bevölkerung (wie in Boston) nur von Fürsorgeunterstützung leben.

Sylter Selbstmord?

Daß jemand endlich einmal einen seriösen Film gemacht hat über Sylt, einen Film ohne Nackte und Nabobs und Nepp – das war eine Wohltat.

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