ARD, Freitag, 3. September: „Selbstmord einer Ferieninsel?“, von Alfred Berndt

Daß jemand endlich einmal einen seriösen Film gemacht hat über Sylt, einen Film ohne Nackte und Nabobs und Nepp – das war eine Wohltat. Und höchst eindrucksvoll wirkte, wie der Autor dieses Films eine Sache verfocht, ohne seine eigene Meinung aufzudrängen: Er zeigte, was da ist; er ließ die einen sprechen und die anderen.

Die einen, das waren Westerlands glatter Kurdirektor Petersen, und ein robuster Bevollmächtigter der Baufirma Bense; die anderen wurden repräsentiert durch den beflissenen Westerländer Heilpraktiker und Begründer einer Bürgerinitiative Gerd Werner und durch Kampens unverwüstlichen Bürgermeister Bleicke Bleichen.

Die Sache, um die es ging, macht seit Monaten die „Sylter Rundschau“ zur interessantesten Zeitung für alle, denen die Frage des „Umweltschutzes“ eminent wichtig erscheint. Das dort vor allem in den Leserbriefen ausgefochtene Pro und Contra ist außerordentlich lehrreich.

Auf Sylt wird „Umwelt“ planmäßig zerstört um des Profites willen. Zu profitieren hoffen auch ein paar Sylter; mit Sicherheit profitieren Bauunternehmer aus Hamburg, Bremen oder Stuttgart.

Das geht so: Die Gemeinde Hörnum möchte ein Schwimmbad und einen Yachthafen haben, die Gemeinde List ein Kurzentrum, das ihr womöglich Chancen einräumt, als „Heilbad“ anerkannt zu werden (und warum auch nicht: wo Westerland ein „Heilbad“ ist, sind List und Hörnum schon lange Heilbäder!). Wie man zu Schwimmbädern oder Kurzentren kommt, hat Westerland gezeigt: Man gewinnt einen Bauunternehmer, der verspricht, der Gemeinde das Gewünschte scheinbar kostenlos zu erstellen, und der dafür „nur“ einen Bauplatz und eine Baugenehmigung für ein Apartment-Hochhaus haben möchte.

Gerade jetzt soll das nun wieder in Westerland passieren: Die Stadt möchte „Europas modernstes Kurmittelhaus“ (so Kurdirektor Petersen) haben und gibt der Stuttgarter Baufirma Bense dafür die Möglichkeit, am Strand das Hochhaus „Atlantis“ mit 750 Apartments zu bauen (das in der Wirklichkeit ganz anders aussehen wird als in der Werbung).

Aber was noch beim Westerländer „Kurzertrum“ (Bauherr: Bense) ziemlich reibungslos über die Bühne gegangen war, was auch den Rat der Westerländer Gemeindevertreter zunächst ziemlich glatt passiert hatte, entwickelte sich über Nacht zum Menetekel. Die Bürger von Westerland fühlten sich durch ihren Bürgermeister und ihren Kurdirektor nicht mehr vertreten. Mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten unterschrieb einen Kampf-Aufruf gegen „Atlantis“.

„Zu spät“, frohlockte der Bense-Bevollmächtigte, „fünf Minuten nach zwölf“. Und er ließ durchblicken, daß die Stadt Westerland, die ohnehin bis über die Ohren verschuldete, bei seiner Firma mit zehn Millionen Mark (vor kurzem waren es noch sechs bis sieben Millionen) in der Kreide stehe. Wofür wohl? Auch das erfuhr man zum erstenmal: für bereits gemachte Profite aus dem Verkauf von Wohnungen – in einem von der Kieler Landesregierung, die da glücklicherweise ein Wort mitzureden hat, noch nicht genehmigten Bau!

Alfred Berndts Film gab reichen Anschauungsunterricht, wie Kapitalismus in seiner zynischsten Variante funktioniert. Es bleibt zu hoffen, daß auch Mitglieder der Kieler Landesregierung diesen Film gesehen haben. Dann wäre es – was viele trotz Bense und Petersen hoffen – noch nicht fünf Minuten nach zwölf, sondern sechs Minuten früher. Leo