Amerika hat einen Helden verloren. Genauer gesagt: einer seiner Großen scheint postum ein Stück kleiner geworden zu sein. Vielleicht ein beträchtliches Stück. Als er 1957 starb, mit 68 Jahren an einem Herzleiden, noch mitten „im Dienste der Menschheit und ihres Wohlergehens“ (so im Nachruf der Frankfurter Allgemeinen Zeitung), trauerte nicht nur Amerika um diesen „Abenteurer, Wissenschaftler und Soldaten“, diesen „Mann des kühlen, sachlichen und fundierten Entschlusses“, Inhaber von mehr als siebzig Orden, höchsten Auszeichnungen, zahlreichen Doktor-Diplomen honoris causa. Als Admiral Richard Evelyn Byrd, der „letzte Polfahrer der alten Generation, von der endlosen Schneebühne abtrat“ (Internationaler Biographischer Pressedienst), nahm die ganze Welt Anteil.

Auch ohne Pathos: Er hatte immerhin einiges auf die Beine gestellt. Sieben große Pol-Expeditionen hat er geleitet, zwei im Norden, fünf im Süden (davon eine mit dreizehn Schiffen, anderthalb Dutzend Flugzeugen und viertausend Mann). Er hat weit über fünf Millionen Quadratkilometer Erdoberfläche vermessen. Er entdeckte (während seiner Expedition 1939/41), daß sich der magnetische Südpol im Vergleich zu den Messungen, aus dem Jahr 1909 (als der Engländer Ernest Henry Shackleton ihn als erster erreichte) um etwa hundert Meilen nach Westen verschoben hatte. Er hat allein, in einer kleinen Hütte, bei minus 50 Grad, einen ganzen Polarwinter in der Antarktis überstanden. Und er hat, am 29. November 1929 (zusammen mit Bernt Balchen), als erster den Südpol überflogen, womit jedoch die Liste seiner Heldentaten nicht am Ende ist.

Richard Evelyn Byrd aus Winchester in Virginia, Jahrgang 1888, hatte schon immer gewußt, was er wollte. Und meistens setzte er es auch durch. Als Zwölfjähriger erbat er sich von den Eltern die Erlaubnis, Freunde auf den Philippinen zu besuchen. Von dort aus trampte er allein um die Welt. Und der Vierzehnjährige schrieb in sein Tagebuch: „Mein künftiger Beruf: Nordpolfahrer.“

Dieses Ziel behielt er immer im Auge, auf der Militärakademie von Shenandoah, auf der Universität von Virginia und während seiner Ausbildung zum Marineflieger. Und dann, einige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, wo er zum Schluß Kommandeur der US-Marinefliegerstreitkräfte in Kanada gewesen war, steuerte er es im Direktflug an. Er wollte erreichen, was noch keinem geglückt war, er wollte als erster zum Nordpol fliegen und mit dieser spektakulären Tat auf einen Schlag weltberühmt werden.

Tatsächlich hat Byrd, damals 37 Jahre alt und schon der „Mann des kühlen, sachlichen und fundierten Entschlusses“, erreicht, was er wollte. Als er und sein Kopilot Floyd Bennett am frühen Morgen des 9. Mai 1926 (genau 37 Minuten nach Mitternacht) von Kings Bay auf Spitzbergen mit einem dreimotorigen Eindecker (Fokker F-VII-3 m) zum Flug nach dem Nordpol starteten und nach fünfzehneinhalb Stunden an derselben Stelle wieder landeten, da ging wenig später die Sensationsmeldung um die Welt (die nicht nur in Amerika Schlagzeilen machte), daß es Byrd und Bennett als ersten gelungen sei, den Nordpol zu überfliegen. Die beiden wurden als Helden gefeiert. Vor allem Byrd. Man beförderte ihn zum Commander, und US-Präsident Coolidge schickte ihm ein Glückwunschtelegramm, in dem er seine besondere Genugtuung darüber ausdrückte, daß „dieser Rekord von einem Amerikaner errungen“ wurde.

Von Rekord sprach der Präsident nicht zuletzt deswegen, weil Byrd, für den es nach der Heimkehr eine Konfettiparade, Festbankette und geradezu einen Medaillenregen gab, einer Gruppe von Norwegern und Italienern unter der Führung von Roald Amundsen und Umberto Nobile • unmittelbar zuvorgekommen war. Der Norweger Amundsen hatte 1904 den magnetischen Pol in der Arktis erkundet und 1911, vier Wochen vor dem Engländer Scott, mit Hundeschlitten als erster den Südpol erreicht. Vergeblich aber hatte Amundsen versucht, bis an den Nordpol zu kommen. Auch zwei Versuche, ihn zu überfliegen, waren ihm mißlungen. Als er im Mai 1926 zusammen mit Nobile und Ellsworth den dritten Flugversuch wagte, diesmal mit dem halbstarren italienischen Luftschiff „Norge“, kam Byrd.

Amundsen wollte sich auf ein Wettrennen nicht einlassen, wollte diese Aktion überhaupt nicht als Wettrennen ansehen, weil – so argumentierte er – der Nordpol inzwischen längst zu Fuß erreicht worden war, und zwar 1909 von dem Amerikaner Peary. Er machte diesen Standpunkt auch seiner Mannschaft klar, als Byrd mit seiner Fokker genau dort auf Spitzbergen auftauchte, wo sein Luftschiff starten sollte. Das heißt, er ließ die Vorbereitungen zu seinem Flug nicht beschleunigen. Und er ließ sich die Show stehlen. Er, Nobile und vierzehn Mann (und ein Foxterrier) starteten am 11. Mai mit dem Luftschiff, überflogen am 12. den Nordpol und landeten am 13. nach einem insgesamt 72stündigen Flug in Alaska. Den Ruhm der Erstüberfliegung (am 9. Mai) aber hatten Byrd und Bennett geerntet, und einer der ersten, die ihnen gratulierten, war Amundsen.