Die dritte Runde des innerdeutschen Gesprächs zwischen Staatssekretär Egon Bahr und Michael Kohl vom DDR-Ministerrat ist am Dienstag abend nach nur neunzig Minuten Dauer abgebrochen worden. Die Verhandlungspartner wollen sich am 22. September in Ostberlin wiedertreffen. Damit hat sich bestätigt, was schon in der zweiten Gesprächsrunde am vergangenen Donnerstag deutlich geworden war: Die Verhandlungen zwischen Bonn und Ostberlin und zwischen dem Berliner Senat und der DDR-Regierung sind ins Stocken geraten.

Die DDR-Vertreter weigerten sich, den vor der Unterzeichnung der Berlin-Vereinbarungen ausgehandelten deutschen Text als Verhandlungsgrundlage zu akzeptieren. Sie berufen sich nun auf den russischen Text des Rahmenabkommens.

Zwar ist der deutsche Text gemeinsam von Vertretern der DDR und Bonns vor der Unterzeichnung der Rahmenvereinbarung durch die vier Botschafter ausgearbeitet worden, doch nach Meinung Ostberlins hat Bonn durch eine vorzeitige Veröffentlichung des noch unvollständigen Textes im Bulletin der Bundesregierung die Vertraulichkeit gebrochen. Damit seien die Abmachungen null und nichtig.

Aus diesem Streit, der sich vor allem um die Frage dreht, ob in dem alliierten Text von „Bindungen“ Westberlins an die Bundesrepublik oder von „Verbindungen“ zwischen Westberlin und der Bundesrepublik die Rede ist, folgert die DDR, daß Bonn nur über den Transitverkehr für Westdeutsche, nicht aber für Westberliner verhandeln darf. Über den Transitverkehr von Westberlinern und von Gütern aus Westberlin möchte die DDR ein separates Abkommen mit dem Senat von Westberlin abschließen.

In Bonn werden diese Auseinandersetzungen als Positionskämpfe dargestellt. Von einer Krise in den Verhandlungen, so sagte Regierungssprecher Ahlers schon am vergangenen Freitag, könne keine Rede sein. Beide Seiten seien schließlich erklärtermaßen an einer schnellen Abwicklung interessiert.

Bundesaußenminister Walter. Scheel sagte am Wochenende auf dem Parteitag der bayerischen FDP, trotz der Anfangsschwierigkeiten werde es ein gutes Ergebnis geben. Es komme auf ein solches Ergebnis an, nicht auf die Geschwindigkeit (siehe auch Dokument).

Überschattet werden die innerdeutschen Querelen von der Reise Bundeskanzler Willy Brandts in die Sowjetunion. Auf seinem Flug am Donnerstag zur Krim läßt er sich lediglich von Bahr, vom amtierenden Leiter des Referats Sowjetunion im Auswärtigen Amt, Andreas Meyer-Landrut, von seinem persönlichen Referenten Wolf-Dietrich Schilling, vom Leiter des Ostreferat im Bundespresseamt, Alfred Reinelt, und von einem Dolmetscher begleiten.