Von Klaus Bölling

Es war ein Massaker und nicht weniger. Schlimmer noch: Die einen haben es gewollt, die anderen haben es geschehen lassen. Im Staatsgefängnis von Attica im Staat New York standen nicht einfach die good guys den bad guys gegenüber. Nicht Haß nur war auf beiden Seiten. Minderwertigkeitskomplexe, lang aufgestaute Aggressionen und das Gefühl, von der Gesellschaft und Obrigkeit ungerecht behandelt zu werden, vereinten Wächter und Bewachte zu einer ihnen unbewußten Solidarität.

Eine amerikanische Tragödie ging vonstatten, die sich ganz anders auflöste, als etliche sich gewünscht hatten. Mit der Version von den braven Männern, denen entmenschte Kriminelle die Kehlen durchgeschnitten hatten, schien den Puristen des Rechtsstaats und den so hochgemut über eine "abstrakte" Humanität dozierenden Leitartiklern das Maul gestopft. Die weißen "Niggerfreunde" in New York und anderswo an der Ostküste konnten ja selber sehen, wohin sie es mit ihrer knieweichen Liberalität gebracht hatten. Doch die Legende überlebte keine vierundzwanzig Stunden.

Wäre es alles so gewesen, wie es die Beamten der Gefängnisverwaltung und die Offiziere von Polizei und Nationalgarde gleich nach dem Sturm dargestellt hatten, so hätten viele Amerikaner die eilig angebotene Theorie von der großen Verschwörung der militanten Häftlinge gegen die Staatsmacht überall im Land schlüssig bewiesen gefunden. Dann hätte kaum einer noch daran gezweifelt, daß der Neger George Jackson, der im kalifornischen Staatsgefängnis von San Quentin bei einem Ausbruchsversuch erschossen wurde, eine der Schlüsselfiguren war und Angela Davis, die schwarze Marxistin, seine gemeingefährliche Mentorin gewesen ist. Dann hätten sie alle, die über das schwere Schicksal der Minderheiten lamentierenden Intellektuellen, die Anwälte, Zeitungsleute und Professoren, ihren Landsleuten, die es immer schon gewußt haben, nicht mehr ins Auge sehen können.

So hatten sich die Parteigänger des "energischen Durchgreifens" den dramaturgischen Ablauf vorgestellt. Die Opfer, "ihre" Opfer, wären beklagt worden, aber ihr Tod hätte doch einen "höheren Sinn" bekommen. Nun scheinen sie den Advokaten einer Justizpolitik der starken Hand umsonst gestorben. Kaum je in neuerer Zeit hat die amerikanische Gefolgschaft von Law and Order eine so traurige Figur gemacht wie in dem Augenblick, da die Mediziner dokumentierten, daß die Geiseln nicht durch die Messer der Häftlinge, sondern durch die eigenen Leute umgebracht worden waren.Die Legende von den vertierten Gurgelschneidern war unbrauchbar geworden.

Die good guys waren im Kugelhagel ihrer Befreier liegen geblieben. Nelson Rockefeller nannte es euphemistisch "Kreuzfeuer". Die es veranstalteten, standen allesamt "auf der Seite des Rechts". Sie waren bis an die Zähne armiert. Die Häftlinge, hieß es, verfügten über "Zipguns", selbstgebastelte, aber böse Wunden schlagende Schußwaffen. Bewiesen wurde das nicht. Billy the Kid hatte sich in die Reihe der Bewaffneten geschmuggelt. Der Geist der "fronher"-Helden überkam die Ordnungsmacht, die Magie der Waffe, der man im Wilden Westen so gern und so. schnell erlegen ist.

Vor sich sah man die outlaws, an denen man das Recht zu statuieren hatte, das Recht jener Populisten, die man aus der Geschichte des Westens kennt, die die Gesetzbücher verachteten und nach gesundem Volksempfinden straften. Von ihrer Mentalität ist eine Menge übriggeblieben. Den Richtern, zumal den "Limousinen-Liberalen" des Obersten Gerichts in Washington, traut man nicht über den Weg. Sind sie schon nicht verkappte Kommunisten, die Amerika mit ihrer Sophisterei in den Abgrund judizieren, so sind sie ganz gewiß lebensfremde Träumer, die nicht begreifen wollen, daß man den "Niggern" und all den anderen zur Zerstörung des guten alten Amerika sprungbereiten radikalen Minderheiten nur die Faust zeigen kann, weil sie sonst immer dreister werden.