Die Abkürzung "BARA" klingt ein bißchen nach landwirtschaftlicher Produktions- und Absatzgenossenschaft, ist aber die Abkürzung für das Glücksspiel "Bayerisch Ramso", welches unerlaubterweise hier und da betrieben wird. Glücksspiele haben in der Schaustellern ihren festen Stellenwert, gleichgültig, ob man nun an weißrussische Großfürsten denkt, die in alten Ufa-Filmen ihre letzte Mätresse verspielen und anschließend bleich zum Revolver wanken, oder an die Poker-Faces unter zurückgeschobenen Westernhüten, in deren Mundwinkel bedrohlich bluffend die erloschene Zigarre baumelt. "BARA" ist, nach allem, was der Basler Hausautor Heinrich Henkel ("Eisenwichser") in seinem Stück, "Spiele um Geld" zeigt, eine heruntergekommene säkularisierte Variante mit reduziertem Personal, das an die Umstände erinnert, über die zur Zeit der ZDF-Kommissar zunehmend berichtet: An die zum Abschaum aufgerüsteten Deklassierten des farbenprächtigen Schwabing.

In Kenntnis der "Eisenwichser", des doch immerhin und zweifelsfrei einleuchtenden Henkeischen Zweitlings, verstört der abgegriffene Versatzstückkasten, mit dem der 33jährige Henkel den Figuren seines vor zwei Jahren geschriebenen-Erstlings das Leben zur (Spiel-)Hölle macht. Die schwankenden Gestalten nahen sich wieder, die sich dem trüben Blick immer zeigen, wenn es verrutscht und asozial zu werden droht. Es stellt sich ein der strauchelnde Arrivierten-Sohn mit der Inklination zu Hasch und Desillusionismus; es weht herein der gealterte Vorstadt-Roué mit speckiger Krawatte, Stutzbärtchen und müden Augen; es ist die Hure zu besichtigen, die die Mundwinkel herabzieht, kalt blickt und ordinär am Tisch flegelt; der Arbeiter auf schiefer Bahn, der gewinnt und sich freut, verliert und die Fasson verliert; das alte Wrack, das seine Gewinngelüste auf die paar Groschen reduziert, die beim Bierholen übrigbleiben; der Zuhälter, gehörigerweise mit tadellosem Blazer und geblähten Nasenlöchern. Und etliche andere mehr, die auch "charakteristisch" sind. Dazu die Besitzerin des Lokals, der Croupier und die Mischerin, die in der Basler Inszenierung Roland Kabelitz zur Traumrolle geriet: Sie redet nicht. Mit durchgedrücktem Rücken mischt sie die abgespielten Karten, mischt und mischt.

Allen anderen geht unausgesetzt der Mund über, auf den ihnen Henkel geschaut hat, ohne genau hinzuhören. So kann es einem nämlich ergehen: daß man glaubt, man betreibe das Studium des ungeschminkten Milieus, und dabei spürt man den Streich nicht, den einem das Ohr und der eigene soziale Status spielen. Henkels Ohr hörte immer nur "Erzähl das deiner Großmutter", "Das macht die Schotten ratlos", "Scheiß auf ihr Geld", "Hör doch mit dem Gebibber auf, ja?" Er stellt Spielkameraden auf, die gar nicht existieren können, weil ihnen die Verarbeitungsindustrie auf dem Fließband zwischen Simmel und Reinecker bereits sämtliche Knochen im Leib zerbrochen hat.

Das ist der schlimme Irrtum des frühesten Henkel: daß er da noch mit Augen beobachtet, die ihrerseits von den Vorstellungen dessen geschuppt waren, die man vom "Milieu" eingebläut erhält. Daher ersetzt am Spieltisch der Basler Komödie das Gebibber und Gesabbel ("Wie Tante Emma, wenn sie vom Klo kommt") die Realität.

Das Stück ist so selbstvergessen mit dem Hamstern von vermeintlichen Slangs und der Option auf sämtliche Fachausdrücke des "BARA" beschäftigt, daß es sich selbst zu strukturieren vergißt. Es macht auch keine Anstalten oder Fortschritte, gleich welcher Art, die es erlaubten, den Meterstab hervorzuholen, mit dem der Abstand zwischen Absicht und Realität gemessen wird. Es wäre ja auch unfein, der "Love Story" nachzuweisen, warum sie kein sozialer Roman ist. "In sich" stimmt das Stück nämlich. Aber daß es für Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler eine einzige gigantische Falle ist, hat das Basler Ensemble bewiesen, indem es mit Mann und Maus hineingefallen ist. Die Schauspieler taten, was sie, im Stich gelassen, immer tun: kontrastreiche Umrisse geben, scharf profilieren, Persönlichkeiten verleihen, nachahmlich nachzeichnen, was man eben macht als Schauspieler am Arbeitsplatz. Die Hure (Maja Stolle) spielte wirklich mit einem Glas Pernod. Der Arbeiter (Jochen Torger) war wirklich rauh und ungelenk, der Schüler (Wolfram Berger) war wirklich traurig und nett. Der Zuhälter (Boris Matern) war aber wirklich ganz besonders zuhälterisch. Ich habe noch nie einen Zuhälter gesehen, der so sehr ein Zuhälter war, außer auf der Bühne, da allerdings schon öfter. Wer im Spiel gewann, haute freudig auf die Pauke und gab einen aus. Wer verlor, erstarrte in erregter Nervosität und bekam einen Anfall.

Spät in der Nacht hatte das billige Kasino (gebaut von Jörg Zimmermann) aber welchen Anstrich? Den einer schalen Vorstadtkneipe mit leeren Bierflaschen, abgestandenem Zigarettenrauch und müden Pennern. Das Basler Publikum, durch drei Jahre Direktion Düggelin erzogen, ist bereits flexibel genug, Desinteresse am Klischee zu dokumentieren. Es raffte sich zu einigen Pfiffen auf. Aber es schien fast: aus Nettigkeit. Denn der Erweis von Ärger ist höflicher als Gleichgültigkeit. Gunter Schäble