Von Hayo Matthiesen

In jedem beliebigen Dreieck", so belehrt Hans Habereder, 26jähriger Doktorand aus Los Angeles, die fünfundzwanzig Jungen und Mädchen der Klasse 9b im Hamburger Gymnasium Krausestraße, "in jedem Dreieck liegt der größte Winkel der größeren Seite gegenüber." Und dann machen sich der amerikanische Lehrer und die deutschen Schüler daran, gemeinsam die These zu beweisen: Geometriestunde in Mathematik.

Die 14- und 15jährigen mögen ihren teacher gern. Sie wissen, daß sie weniger lernen, würden, wenn Mr. Habereder nicht aus der Neuen in die Alte Welt zurückgekommen wäre. Er stammt aus München, wanderte 1954 mit seiner Familie nach Kalifornien aus, studierte Astronomie, ist mit einer Doktorarbeit in Relativitätstheorie beschäftigt und unterrichtete bereits als Assistent.

Hans Habereder spricht fließend ein mit bayrischem Dialekt durchsetztes Hochdeutsch und weiß, daß seine Hamburger Schüler "eine Riesengaudi haben", wenn er ihnen dann und wann auf bayrisch kommt. Sein "Grüaß Gott" haben die Obertertianer übernommen. Er gibt 23 Stunden Physik und Mathematik in der Woche, erhält dafür etwa 1750 Mark ausgezahlt, lebt mit seiner Frau in einer freundlichen Wohnung in einem Vorort und ist zufrieden: "Ich habe keine Schwierigkeiten."

So gut geht es den anderen 67 US-Lehrern nicht, die wie Habereder von der Hamburger Schulbehörde aus Amerika an die Alster geholt wurden und in Gymnasien unterrichten. Nicht wenige von ihnen haben "viele Schwierigkeiten", wie einer gesteht, der – wie alle, die sich kritisch äußerten – anonym bleiben will: "Nennen Sie bitte nicht meinen Namen."

Sie urteilen: "Es ist nicht so, wie ich es erwartet habe. – Alles macht den Eindruck einer großen Konfusion. – Die Schüler sind bei mir sehr unruhig. – Unsere Wohnung ist viel zu teuer." Einer charakterisiert die Stimmung der Gruppe so: "Viele sind verböst, sie meinen, sie wurden angelogen." Mein Eindruck: Etwa die Hälfte ist ganz zufrieden, die andere Hälfte ist enttäuscht.

Zwei Familien sind (aus persönlichen Gründen) zurückgeflogen. Ein Chemiker bewirbt sich insgeheim um eine Stelle in der Industrie. Ein Lehrer ist verärgert, weil er in Grundstufenklassen unterrichten muß, und will weggehen, wenn er nicht bei größeren Schülern eingesetzt wird. Den ranghöchsten Pädagogen der Hansestadt, Landesschulrat Wolfgang Neckel, beeindrucken weder Rückfahrer noch Abspringen Neckel räumt ein, daß "die Aktion durchaus ein Risiko" ist; er betont aber auch: "Es ist die große Chance, daß 1500 Stunden in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern gegeben werden können."