Die Krimreise von Bundeskanzler Brandt hat der innenpolitischen Auseinandersetzung neuen Zündstoff geliefert. Während die Koalitionsparteien das Treffen mit dem sowjetischen Parteichef Breschnjew begrüßten, kritisierte die Opposition Vorbereitung und Ergebnis. Nach den Worten des Fraktionsvorsitzenden Barzel bestehe der Verdacht, daß erneut Forderungen Moskaus erfüllt werden sollten, "ohne daß unsere Lebensfragen im Gespräch sind". Der außenpolitische Sprecher der CDU, Marx, erklärte, mit Brandts Reise sei die Teilung Deutschlands zementiert worden.

Ebenso ablehnend äußerte sich die CSU. Vorbehalte und Befürchtungen hinsichtlich der Resultate seien noch weit übertroffen worden. Mit der Wahl Jaltas habe Moskau Symbolisch seine Absicht ausgedrückt, von Bonn die Sanktionierung der deutschen Teilung zu erhalten, wie sie 1945 von den drei Alliierten dort beschlossen worden sei.

Brandt war am Donnerstagmittag mit einer Bundeswehrmaschine nach Simferopol auf der Krim abgeflogen. Er würde von Staatssekretär Bahr, dem stellvertretenden Leiter des Referats Sowjetunion im Auswärtigen Amt, Meyer-Landrut, dem Leiter des Ostreferats im Bundespresseamt, Reinelt, und seinem persönlichen Referenten Schilling begleitet. Staatssekretär Frank vom Auswärtigen Amt hatte die Reise abgelehnt – Ausdruck der Differenzen, die sich wegen mangelhafter Information zwischen Bundeskanzleramt und Auswärtigem Amt bei der Vorbereitung ergeben hatten und auch zu Vermutungen über Differenzen in der Koalition Anlaß gaben.

Auf der Krim wurden die Deutschen von einem ungewöhnlich aufgeräumten und herzlichen Breschnjew empfangen. Über 16 Stunden konferierten Brandt und Breschnjew, zum Teil unter vier, Augen. Das Treffen fand in betont zwangloser Form statt. Breschnjew nahm, noch ohne einen Termin zu nennen, eine Gegeneinladung in – die Bundesrepublik an. Die Gespräche hatten – so die Formulierung des Kommuniqués – "einen sachlichen und aufgeschlossenen Charakter und verliefen in einer Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses".

Breschnjew und Brandt besprachen in "voller Loyalität zu ihren Bündnispartnern" internationale Probleme und Fragen gemeinsamen Interesses: den Moskauer Vertrag, das Berlin-Abkommen, die Sicherheitskonferenz, einen UN-Beitritt der beiden deutschen Staaten, Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet, für die eine gemischte Kommission geschaffen werden soll, und weitere Konsultationen.

Nach seiner Rückkehr am Samstag hob Brandt vier ihm besonders wichtig erscheinende. Punkte hervor. Er nannte die Verbesserung und Normalisierung der Beziehungen, die Ratifizierung der Moskauer und Warschauer Verträge, das Berlin-Abkommen und die europäische Sicherheitskonferenz. Man sei sich einig gewesen, "mehr Sicherheit durch Abbau der Konfrontation zu erreichen". In eine Truppenreduzierung, die ohne Benachteiligung für die Beteiligten erfolgen müsse, sollten nicht nur Truppen der beiden Großmächte, sondern auch nationale Streitkräfte einbezogen werden. Der Raum der Truppenreduzierung dürfe nicht auf Deutschland beschränkt werden.

Die Stockung in den innerdeutschen – Gesprächen ist nicht zur Sprache gekommen. Brandt erklärte, er sei nicht auf die Krim gefahren, um sich über die DDR "auszuweinen".