Von Josef Müller-Marein

Wer keine guten Nerven hat, kann in einer demokratischen Regierung nicht lange Innenminister bleiben. Denn er ist ja unter anderem der "Polizeiminister"; ein Titel, der ihm nicht nur Sympathie einbringt. Er muß für Ordnung sorgen. Ein schweres Amt in unordentlichen Zeiten!

Wer bestimmt eigentlich, was Ordnung ist? Die Regierung. Und wer bestimint, wie sie aufrechtzuerhalten ist oder wiederherzustellen sei, wenn sie Schaden genommen-hat? Der Innenminister.

Augenblicklich wird der französische Innenminister Raymond Marcellin von niemandem um seinen Posten beneidet. Alles schaut ihn an. Wird er durchhalten? Sein Vorzug ist, daß er Nerven hat, Nerven aus Stahl. Damit ist er bisher gut durchgekommen, seit de Gaulle ihm, der zu den Unabhängigen Giscard d’Estaings gehört, das Innenministerium anvertraute.

Stürmischer Mai des Jahres 1968: Barrikaden und Streiks. "Die Sache ist unangenehm, aber Marcellin wird es machen"‚ sagte de Gaulle im Ministerrat am 1. Juni. "Il a du courage." Und der couragierte Marcellin machte es. Er brachte die Straße zur Ruhe.

Als er auf diese Weise plötzlich ins Licht der Öffentlichkeit trat – alle Scheinwerfer auf den unaufdringlichen, stets korrekt im dunklen Anzug einhergehenden Marcellin gerichtet! –, dauerte es eine Weile, bis allen klar wurde: Er war ja lange schon dagewesen. Und wie trefflich de Gaulle seine Leute zu beurteilen wußte, auch jene, die im zweiten Glied standen!

Der blauäugige, stets wachsam, manchmal mißtrauisch blickende, heute 57 Jahre alte Marcellin hat seine Sache immer gut, aber nie auffällig gut gemacht. Sein Vater, ein Bankier im Marnestädtchen Sézanne, hatte ihm die Welt geschenkt, in der er sich heute noch wohl fühlt: die Welt konservativer Ordnung, in der die Ideale nicht fehlen, jedes Ding auf seinem Platz ist und alles Streben belohnt wird; wenn es nicht zu auffällig geschieht.