Von Walter Hinderer

Klagte Jean Paul noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts: "Von nichts wimmelt unsere Zeit so sehr als von Ästhetiken", so geht heute in der Tat vom "Begriff der philosophischen Ästhetik", wie Theodor W. Adorno schreibt, "ein Ausdruck des Veralteten aus, ähnlich wie von dem des Systems oder der Moral".

Schon Hegel sprach von dem unpassenden Namen dieser durch Baumgarten in Umlauf gebrachten Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis und wollte seine Ästhetik als "Philosophie der schönen Kunst" verstanden wissen. Doch selbst dieses monumentale Unterfangen liefert noch die Probe auf Friedrich Schlegels Exempel: "In dem, was man Philosophie der Kunst nennt, fehlt gewöhnlich eins von beiden; entweder die Philosophie oder die Kunst." Wie eindeutig gerade Hegel die Kunst der Philosophie unterordnete, beweist sein bekanntes Diktum: "Der Gedanke und die Reflexion hat die schöne Kunst überflügelt." Hegels "Ästhetik" markiert nicht nur den Höhepunkt der klassischidealistischen Auffassung, die Kunst als zweite, höhere Realität, als Welt des schönen Scheins, von der banalen Wirklichkeit abhob, sondern stellt bereits den Übergang in eine moderne Welt dar, "in der die von unmittelbaren religiösen, sittlichen oder geistigen Zwecken freigestellte Kunst" (Hans Robert Jauß) nur noch partial das Ganze fassen kann.Nichtdestoweniger antwortet der veränderten geschichtlichen Situation bald eine neue Kunstperiode, die der Einfachheit halber mit dem Stichwort "Moderne" bezeichnet sei und deren ästhetische Summe einer ihrer profiliertesten Kenner gezogen hat –

Theodor W. Adorno: "Ästhetische Theorie", herausgegeben von Gretel Adorno und Rolf Tiedemann: Gesammelte Schriften 7; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 544 S., kart. 19,80 DM.

Die "Ästhetische Theorie", aus dem Nachlaß herausgegeben, war eine der Arbeiten, die Adorno nach eigenem Zeugnis "ein Leben lang" vor sich hergeschoben hatte. Sie sollte neben der "Negativen Dialektik" das darstellen, was er in die Waagschale zu werfen habe".

Die im editorischen Nachwort dokumentierte Entstehungsgeschichte zeigt, welche Mühe Adorno auf die formale Bewältigung des Stoffes verwandte. Er wollte, wie es in einem Brief heißt, "das Ganze aus einer Reihe von Teilkomplexen montieren, die gleichsam gleichgewichtig sind und konzentrisch angeordnet, auf gleicher Stufe".

Der fragmentarische Charakter des Buches gehört also von Anfang an zu seiner Methode, in der Adorno schon immer das Unmethodische herausstrich. Das hält zwar die Denkoperationen auf ungewöhnliche Weise beweglich, aber zuweilen löst sich auch der Bewußtseinshorizont so weit von seinem Gegenstand, daß die Argumentation nicht mehr ohne weiteres zugänglich ist. Doch das beweist wiederum nur, wie Adorno auch dem Denkstil nach im geschichtlichen Kontext der Moderne steht. Was Hugo Friedrich bei der modernen Lyrik feststellte, ließe sich nämlich auch an manche Gedankengänge Adornos beziehen: "Die reale Welt bricht auseinander unter dem Machtspruch eines Subjekts, das seine Inhalte nicht empfangen, sondern selber herstellen will."