Von Hans Krieger

Es spiele "die Krankheit als pathologisches Phänomen eine völlig untergeordnete Rolle" – einer Psychiatrie, deren fortschrittliche Minderheit sich gerade darum bemüht, uns im "Geisteskranken" einen Kranken wie jeden anderen sehen zu lassen und das Bewußtsein der Öffentlichkeit für den skandalösen Mangel an zureichenden Therapiemöglichkeiten zu schärfen, muß ein solcher Satz als unangemessene Provokation in der falschen Richtung erscheinen, Kommt es nicht eben darauf an, eine "Schizophrenie" medizinisch, gesundheitspolitisch und versiche-Appendizitis? genauso einzustufen wie eine Appendizitis?

Progressive Psychiater klagen die Öffentlichkeit an, weil sie den psychisch Kranken mit einem Makel behaftet. Daß sie selber als Vertreter einer Institution, die dazu geschaffen wurde, den psychisch Anfälligen zu sequestrieren, Agenten eben dieser Öffentlichkeit sind, sehen sie nicht.

Was wir wissen, ist: diese Kranken verhalten das Etikett "Schizophrenie" anhängen, wissen wir noch immer fast nichts. Bei psychischen Krankheitsprozessen, für die eine organische Dysfunktion nachgewiesen werden konnte, kennen wir einen isolierten Faktor innerhalb eines Wirkungsgefüges, das als Ganzes dunkel bleibt. Dieses Ganze besteht nicht nur aus dem Kranken selbst. Dazu gehört auch das soziale Feld, in dem er krank wird, gehört die Umwelt, die sein Anderssein als krankhaft und mit seiner Ausschließung sich selber als gesund definiert.

Was wir wissen ist: diese Kranken verhalten sich in einer Weise, die von der Umwelt als abnorm erlebt wird. Die Umwelt reagiert mit Sanktionen der Ausgrenzung, die in der Einweisung in eine Heilanstalt gipfeln, der letzten Konsequenz einer Verweigerung des Kontaktes.

Gewalt erzeugt Gegengewalt. Wir kennen sie in der Gestalt des "gemeingefährlichen Irren". Was das Produkt der Ausgrenzung ist, erscheint dann als ihr Grund und ihre Rechtfertigung. Das Schicksal, das die Norm über ihn verhängt, läßt dem "Abnormen" keine Chance.

Denn die Verantwortung dafür, daß zwischen ihm und der Gesellschaft, die ihn ausschließt, die Kommunikation aussetzt, ist ihm allein aufgebürdet. Jede Gegenwehr gegen die Macht, die über ihn verfügt, liefert ihr nur die Argumente. Sie straft ihn für die Folgen dessen, was ihm angetan wird. Unter diesen Bedingungen kann die medizinische Diagnose kaum mehr sein als das wissenschaftliche Alibi der gesellschaftlichen Ächtung.