Von Bruce van Voorst

Kontrolle. Ihren Ausweis bitte." Der Mann war riesig, ein Gorilla, und füllte fast die Tür des Wagens, den der amerikanische Student Mark Huessy im Ostberliner Untergrundbahnhof Alexanderplatz gerade besteigen wollte. Verärgert darüber, daß er aufgehalten wurde, wollt; Huessy an dem Mann mit der Lederjacke vorbeischlüpfen, als er sechs bis acht Männer in Zivi bemerkte, die ihn umstellten. "Staatssicherheitsdienst", raunte der Riese und zog seinen lederumrandeten Ausweis aus der Tasche, "bitte kommen Sie mit." Er nahm Huessy den Paß ab und steckte ihn ein, ohne ihm mehr als einen flüchtigen Blick zu schenken.

So begann am 4. Januar 1970, einem sonnigen Wintertag, nachmittags um zwei Uhr die Odyssee des damals 22jährigen Mark Huessy. Er verschwand gewissermaßen in der Versenkung der bizarren Berliner Bühne. Und als er am 15. Juli 1971 wieder auftauchte, hatte dieser Student der deutschen Geschichte und Literatur die grimmig; Welt ungezügelter Staatssicherheitsdienste und verzwickter Rechtsklaubereien durchwandert, die den Bewohner totaler Staaten vertraut sein mögen, die aber Außenstehenden unverständlich bleiben. "Man kann das Gefängnis nur dem erklären, der selber drin war", sagte Huessy, und "dieses ganze Erlebnis läßt sich nur unvollkommen schildern". Er ist mittelgroß, hat dunkelbraunes Haar, lebhafte blaue Augen, trägt ein: Hornbrille und hat ("Ich bin noch zu nervös, um mich zu rasieren") einen Stoppelbart. Früher war Huessy ein gemäßigter Linker. Nach seiner Entlassung hatte; er 45 Pfund und einige politische Illusionen eingebüßt.

Selbst noch im Gespräch schien er die fürchterliche Hilflosigkeit zu spüren, mit der man einem System ausgeliefert ist, das ohne erkennbare Regeln oder Kontrollen handelt, Huessy war nicht einmal imstande, seinen Lunch zu bestellen. "Ich bin vorläufig noch nicht fähig, Entscheidungen zu fällen", sagt er gequält, "bestellen Sie etwas für mich." Er würde Wochen brauchen, sich wieder an den "Stakkato-Rhythmus" des westlichen Lebens zu gewöhnen.

Die SSD-Beamten hatten Huessy damals geradewegs zu einer wartenden BMW-Limousine gebracht, die mit einem Funkgerät ausgestattet war. Hinter, ihr stand ein ebenfalls mit Sicherheitspolizisten besetzter Wagen. Er mußte in der Mitte des Rücksitzes Platz nehmen und wurde auf beiden Seiten von Beamten flankiert. Mai fuhr zu einer einsamen Villa in Wandlitz, etwa. 15 Kilometer nördlich von Ostberlin in der eigentlichen DDR. Dort hatte Walter Ulbricht Ende der fünfziger Jahre ein Haus gebaut, das ausschließlich für den Gebrauch von hohen Funktionären bestimmt war und wegen seiner Abgelegenheit gern vom Staatssicherheitsdienst benutzt wurde. "Wo fahren wir hin?" fragte Huessy während der Fahrt. Er erhielt keine Antwort.

"Anfänglich glaubte ich noch, daß man mich schlagen und foltern würde", erinnert sich Huessy. "Ich hatte schreckliche Angst." Seinen Zustand beschreibt er als eine seltsame Mischung von intellektueller Ruhe und Gefühlsregung. "Ich glaubte, da ich amerikanischer Bürger bin, würden sie mir nicht viel tun, aber ich machte mir gleich Sorgen um meine mitteldeutschen Freunde." Er wollte versuchen, einige Zettel mit Namen fortzuwerfen, die er in seiner Brieftasche aufbewahrte, besann sich aber eines Besseren. "Das wußten die ja doch schon längst", sagte er.

Zuerst war Huessy auch noch überzeugt, daß er nichts Schlimmeres zu erwarten hätte als die Ausweisung. Das wäre für ihn schon schlimm genug gewesen, denn er liebt Berlin. Er findet den Viermächtestatus aufregend, er findet es besonders reizvoll, ungeachtet der Mauer, mit der S-Bahn zu fahren, die in allen vier Sektoren der Stadt verkehrt.