Von Karoll Stein

Als Beitrag der bildenden Kunst zu den Berliner Festwochen präsentiert die Nationalgalerie die Ausstellung "Metamorphose des Dinges – Kunst und Antikunst 1910–1970". Sie ist das Resultat einer neuen und begrüßenswerten Kooperation zwischen den Direktoren der großen europäischen Museen, die ihre Bestände für ein gemeinsames Projekt zur Verfügung gestellt haben. Die Ausstellung war bereits in Brüssel und Rotterdam zu sehen, sie bleibt in Berlin bis zum 7. November und geht anschließend weiter nach Mailand, Basel und Paris.

Das tiefsinnigste Bild der Kunstgeschichte zum Thema Ding hat wahrscheinlich Magritte gemalt, ohne die Sentimentalität, die sich des Unscheinbaren annimmt, ohne die Aura der Bizarrerie, wie sie so viele seiner Mit-Surrealisten artifiziell konstruierten, ohne das aggressive Pathos der Antikunst. "Verrat der Bilder" (La trahision des images) konnte leider nicht für die Ausstellung herbeigeschafft werden, aber das Bild ist im Katalog reproduziert: die trocken gemalte Pfeife auf glattem grünen Grund, darunter in Schönschrift der Satz "Ce ci n’est pas une pipe". Magritte ist zu Recht und im Sinne des Themas großartig in der Nationalgalerie vertreten mit zehn Gemälden, darunter das Bild, das gleichsam die Umkehrung des "Verrats der Bilder" darstellt und dennoch den gleichen Sachverhalt meint "Dies ist ein Stück Käse", ein gemalter Camembert, ein kleines Bild unter einer Käseglocke montiert.

Das Ding in der Kunst des 20. Jahrhunderts, ein faszinierendes und auch ein aktuelles Thema, das Ding als Kunst und als Antikunst, als ein mit magischen Kräften begabtes in der Ars Metaphysica Chiricos, und im Gegenzug die Readymades von Duchamp als Demonstration der Banalität, das Ding als direktes Zitat der außerästhetischen Realität oder als Symbol realitätsentrückter Erfahrung. Zwischen diesen Positionen wäre das Thema sinnvoll zu exponieren gewesen, auch dann wäre das Material noch vielfältig und verwirrend genug. Die Veranstalter aber waren offenbar entschlossen, unter dem Titel "Metamorphose des Dinges" die gesamte Kunst der letzten sechzig Jahre zu subsumieren – und das ist ein Unding. So belegt die Ausstellung zwar alle möglichen Formen der "Metamorphose des Dinges", und zum Teil mit erlesenen Beispielen, sie kann aber ihren theoretischen Anspruch überhaupt nicht anschaulich machen.

Die Extreme von Kunst und Antikunst markieren Chiricos "Metaphysisches Interieur mit kleiner Fabrik" von 1917 und, in Opposition, die Readymades von Duchamp, das "Fahrrad-Rad", der "Flaschentrockner", das zum "Springbrunnen" erklärte Pissoir (in der Kunst).

Nationalgalerie in späten Nachgüssen, was die provokative Geste Duchamps eigentlich ad absurdum führt.

Zwischen Kunst und Antikunst wäre der Surrealismus zu zitieren: die eigentümliche Auffassung des Dings, seine Metamorphose, seine Entrückung aus allen gewohnten Zusammenhängen der Erfahrung und der Logik in eine imaginative Dimension, ist sein zentrales Motiv. Dafür liefert Salvador Dali eklatante Beispiele, so "Die weichen Uhren – weicher Wecker" von 1933. Aber es läßt sich trotzdem nicht recht verstehen, was sein "Bildnis Frau Isabel Styler-Tas" (Melancolia) in einer Ausstellung über die Metamorphose des Dinges veranschaulichen soll, handelt es sich doch um die Metamorphose einer Dame.