Moers

Als im vergangenen Jahr Jungsozialisten gegen den Rheinberger Textilunternehmer Reichel demonstrierten, der sein Waldgrundstück der Öffentlichkeit nicht zugänglich machen wollte, witterte Josef Kun "anarchistisches Gedankengut" und warf den Demonstranten in einem Leserbrief "Rabaukentum" vor. Heute duzt er sich mit dem ihm damals noch unbekannten Waldbesitzer, und beider Firmen sind auf Ausstellungen mit gemeinsamen Ständen vertreten: Josef Kun, 40 Jahre alt, Bauunternehmer aus dem niederrheinischen Homberg und eingeschriebener Sozialdemokrat, weiß, wie man Geschäftsfreunde gewinnt. Das zeigte er auch, als er dem wegen einer Grundstücksaffäre geschaßten Gladbecker Oberbürgermeister Kalinowski einen Beratervertrag anbot und dadurch zum erstenmal bundesweite Publizität erlangte. Jüngst freilich brachte der ehemalige Maurer – heute Herr über eines der größten Wohnungsbauunternehmen in der Bundesrepublik (derzeitiges Auftragsvolumen: 2,6 Millionen Mark) – nicht nur seine Jung-Genossen gegen sich auf. In einem Interview mit der Lokalausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung verbreitete er sich unter anderem aber die Entscheidungen parlamentarischer Gremien: "Für Sie ist das vielleicht gültig, wenn ein Haufen Idioten einen Beschluß faßt. Mir ist das einfach zu blöde." Deshalb – so der Millionär und Reitstallbesitzer – nehme er auch kein Gesetz zur Kenntnis, wenn es ihm nicht passe: "Dem ich weiß, wie Gesetze entstehen."

Allerdings waren es nicht nur die Zweifel am demokratischen Selbstverständnis des "Genossen Millionär", die die niederrheinischen Sozialdemokraten aktiv werden ließen und den Bezirksvorsitzenden Otto Bäumer zu der Forderung nach "astreiner" Klärung des "Falles Kun" veranlaßten. Kun, der nach eigenen Angaben mit 14 der 17 Mitglieder des Moerser Unterbezirksvorstandes befreundet ist, plauderte auch offen über seine Geschäftsgrundsätze. Und da heißt eine der Maximen, daß in jedes der Büros seines Chefmaklers Jendrosszek ein Ratsherr gehört, "damit wir aber die Planungsangelegenheiten unterrichtet sind".

Journalistische Recherchen brachten schnell zahlreiche Beispiele für die Beziehungen Kurs zu Politikern an den Tag: So ist etwa der Vorsitzende der SPD-Neuordnungskommission im Kreis Moers, Klaus David, Geschäftsführer einer der zahlreichen Firmen des Homberger "Baulöwen". Er gehört auch zu den Kommanditisten der Kun-Maklerfirma Jendrosszek, die der – inzwischen allerdings ausgeschiedene – SPD-Fraktionssprecher im Moerser Stadtrat, Rüdiger Klinger, mitbegründete. Als Kommanditisten verzeichnet das Handelsregister den SPD-Ratsherrn Franz Schenke aus Kirchhellen bei Gladbeck; der auch die Fäden zu Kalinowski knüpfte. In Mönchengladbach ist es der Ratsherr und Vorsitzende der Gladbach-Rheydter SPD, Hubert Körfges, der als Geschäftsführer zweier Kun-Filialen die Beziehungen nach Homberg unterhält.

Doch in Kommanditlisten finden sich nicht nur die Namen von Politikern, sondern auch von ehemaligen Verwaltungsbeamten wie dem Homberger Baudezernenten Max Vogt. Er hatte als Kommunalbeamter ein riesiges Sanierungsprojekt in die Wege geleitet, das dann von Kun verwirklicht wurde. Vogt hat inzwischen einen hochdotierten Posten in der Kun-Gruppe, ebenso wie der frühere Direktor der Moerser Volksbank Weber, der seinen Hut nehmen mußte, als es wegen seiner Kreditbewilligungen für den Homberger Unternehmer zum lokalen Bankskandal kam.

Ein nicht unbedeutender Name unter den Geschäftspartnern Kuns ist der des SPD-Landtagsabgeordneten Friedel Neuber. Der Präsident des rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes, Vorstandsmitglied im Moerser SPD-Unterbezirk und Vorsitzender des Finanzausschusses im Düsseldorfer Landtag, war bis vor kurzem zusammen mit Kun einer der Gesellschafter der Bollenberg GmbH für Grundstücksverwertung. Und dafür, daß der Firmenchef auch über außerparlamentarische Kreise ausreichend informiert ist, sorgt Günter Fifer, Jendrosszek-Kommanditist und Beamter beim 14. Kommissariat der Duisburger Kriminalpolizei. Er recherchierte seinerzeit bis ins kleinste Detail das Privatleben eines Leserbriefschreibers aus, der sich kritisch zu Kuns Geschäftspraktiken geäußert hatte.

Angesichts solcher Unterstützung scheint auch altgedienten Parteigenossen, wie dem Moerser Oberkreisdirektor Wilhelm Hübner, die geschäftliche Fortüne des Homberger Baumillionärs kaum noch zufällig: "Daß etwas faul ist, liegt auf der Hand", äußerte er sich gegenüber Journalisten, "es wird Zeit, daß das Ganze einmal ins Rollen kommt."