Von Karl-Heinz Wocker

London, im September

Als die Regierung Heath ihre außenpolitischen Geschäfte aufnahm, war davon die Rede, den Rückzug aus Übersee zu verlangsamen, ja an einigen Punkten die britische Präsenz eher zu verstärken. Noch auf der Commonwealth-Konferenz in Singapur zu Beginn dieses Jahres trat der Premierminister mit der Miene eines Staatsmannes auf, der die Verteidigung des Indischen Ozeans an der Seite der USA für ein Erfordernis britischen Überlebens hält. Der "Ausverkauf nationaler Interessen" durch die "Ausverkauf rung, so hieß es, müsse gebremst werden. Aber darin steckte viel Wahl-Nachtarock. Außerdem geschah dies alles zu einem Zeitpunkt, da der EWG-Beitritt noch in der Schwebe war.

Seit der Begegnung zwischen Heath und Pompidou und seit dem Abschluß der Brüsseler Verhandlungen ist von solchem überseeischem Ehrgeiz nicht mehr viel zu spüren. Außenpolitik und Diplomatie sind darauf erpicht, alte Hauptbücher zu schließen. Heath und sein Außenminister Sir Alec Douglas-Home mögen den Akzent in unterschiedlicher Stärke auf die Europapolitik legen, in einem sind sie sich einig: Alle Reibungsflächen in der restlichen Welt sollen fortan vermieden werden.

Für diese Politik hat die Reise Sir Alecs nach Kairo viel erreicht. Die Beziehungen zwischen Großbritannien und der Arabischen Republik Ägypten sind wieder normal. Sie hatten keineswegs nur unter den Spannungen im Nahen Osten oder den Fernwirkungen des Edenschen Suez-Abenteuers gelitten. 1966 waren mehrere arabische Botschafter aus London abberufen worden, weil sich die britische Regierung weigerte, Gewalt gegen das Regime der weißen Siedler von Rhodesien anzuwenden. Das konnte nun, zwei Jahre später, bereinigt werden.

London zahlt dafür, wenn es zu den politischen Kosten kommt, mit einer Abwendung von der Sache der Israelis. Der Mann auf der Straße in England würde, wenn man ihn nach dem Nahostkurs seiner Regierung befragte, sicher von der Unterstützung Israels, den underdogs reden. Ein nüchterner Überschlag der Zweckmäßigkeiten aber hat von diesem Kurs weggeführt. Sir Alec befürwortete in Kairo die Räumung der von Israel besetzten Gebiete. Er unterstützte die jüngste Initiative des Präsidenten Sadat, wonach bei einem Abrücken der israelischen Truppen von den Ufern des Suezkanals dieser für die Schiffahrt sofort freigegeben werde. Mit der Forderung, die Araber müßten die Unverletzlichkeit des Staates Israel bindend zusagen, hat Sir Alec freilich die offizielle Politik der Vereinten Nationen gerade noch so weit beibehalten, daß man der Londoner Regierung keine einseitige Parteinahme im Nahostkonflikt nachsagen kann. Was jedoch die britische Haltung in künftigen UN-Debatten angeht, so hat eine in Kairo leicht hingeworfene Bemerkung des Außenministers einigen Aufschluß gegeben: Nach seiner Meinung zur neuen arabischen Föderation befragt, sagte Sir Alec, er bedauere es, daß damit der Vertreter des United Kingdom nicht mehr neben dem der United Arabic Republic sitze, da der Föderation dem Alphabet gemäß ein anderer Platz im Saal zugewiesen werde.

Gute Beziehungen mit Kairo sind für London sicher erträglicher als unbeirrtes Eintreten für das Lebensrecht Israels. Anders liegen die Dinge in Gibraltar, der letzten Station auf Sir Alecs Reise. Hier handelt es sich bei den underdogs um loyale Untertanen ihrer Majestät, und der mächtigere Nachbar gehört nun einmal ins Lager der Faschisten. Doch auch in Gibraltar will London Ruhe haben, so wie es auch entschlossen ist, den Forderungen des maltesischen Premiers Mintoff nur so weit wie irgend möglich entgegenzukommen, notfalls jedoch lieber die Insel zu räumen, als das Objekt künftiger Erpressungen zu werden. England schafft sich einen freien Rücken, und niemand ist dazu besser geeignet, alte Bürden und Bindungen über Bord zu werfen, als eine so pragmatische, prinzipienlose Partei wie die Konservativen.