Geplant war höchstwahrscheinlich ein Showbusiness-Spektakel, das endlich auch die Rolling Stones – ehemals die Schmuddelkinder und bösen Buben des Rock ’n’ Roll – in die friedliebende "Woodstock-Generation" eingemeinden sollte. Als man am Ende der Tournee – unter anderem auch aus filmdramaturgischen Gründen – den krönenden Abschluß feiern wollte und zu diesem Zweck Gruppen wie die Jefferson Airplane und Santana, die Grateful Dead und die Ike & Tina Turner Revue einlud, geriet das Friedensfest unversehens zu einer Drogenparty, getreu dem Motto der damals letzten Stones-LP "Let It Bleed".

Wer hier Woodstock-Euphorie erwartet hatte, wurde auf sehr unangenehme Weise gefoppt. Jerry Garcia, Gitarrist der Grateful Dead, ließ die Anlage seiner Gruppe sofort wieder abtransportieren, als er auf dem Flughafen erfuhr, daß man den Jefferson-Airplane-Sänger Marty Balin zusammengeschlagen hatte. In den nächsten Tagen überschlugen sich die Westküsten-Zeitungen mit sensationellen Meldungen. Der Farbige Meredith Hunter, der einige Meter von der Bühne entfernt von einem Hell’s Angel erstochen wurde, war nicht das einzige Todesopfer dieser Party.

"Gimme Shelter", die Dokumentation über die zweite Hälfte der letzten Tournee der Rolling Stones durch die Vereinigten Staaten und das abschließende Gratiskonzert auf der Rennbahn bei Altamont, ist ein gutgemeinter, moralisierend-betulicher, ein – pardon – "scheißliberaler" und mehr schlecht als recht montierter Film. Er wird weder dieser Tournee gerecht; noch zeigt er deren wirtschaftliche Verflechtungen oder das mit harter Geschäftsroutine verwaltete Chaos. Weil ein Mord geschah, durfte "Gimme Shelter" kein Showbusiness-Ereignis werden; aber analytisches Cinéma Vérité hätte auch den letzten Fan verschreckt. Also einigte man sich auf einen faulen Kompromiß. In seiner jetzigen Form müßte der Film eigentlich alle Erwartungen düpieren, wenn die Besucher nicht sowieso ihre sensationsgierigen Erwartungen für das wahre Ereignis nehmen würden.

Auf diesen Film kann man nicht mehr "erschüttert" oder "betroffen" reagieren, sondern nur noch zynisch. Liberales Lamento und moralische Entrüstung darüber, daß just bei einem Popkonzert ein "wirklicher" Mord geschehen konnte, sind scheinheilig; sie haben Alibifunktion. Altamont war ein Miniatur-Amerika, Woodstock nur die Ausnahme von der Regel, Warum sollte die tägliche Mordquote bei einer Ansammlung von mehr als 300 000 hektisch zusammengeströmten Menschen niedriger sein als die von Los Angeles, New York oder Chicago?

Schließlich waren die Rolling Stones nie Flower-Power-Kinder, und das Verhältnis von Fan zu Idol hatte bei ihnen schon früh Formen angenommen, die die Umstände beim Begräbnis eines Rudolfo Valentino als Kaffeekränzchen erscheinen lassen. Vielleicht war der "reale" Mord an Meredith Hunter, auf den die ganze Dramaturgie in penetranter Weise hinzielt, auch nur die unfreiwillige Vollendung, die dem Image widerfuhr, das sich die Stones seit "Their Satanic Majesties Request" zugelegt hatten?

Der "Altamont-Film", wie er jetzt meist genannt wird, ist auch wieder ein Teil der grassierenden Mythenbildung, die erst durch die Massenmedien möglich wurde. Diese haben Woodstock und damit als Gegenpart auch Altamont erst zu dem gemacht, was sie nachträglich symbolisieren.

Horror-Trips infolge chemisch unreiner Drogen sind seither oft die Regel bei ähnlichen Gelegenheiten. Erst kürzlich wurde bei einem Konzert der Who in New York ein Jugendlicher ermordet. Und in Großbritannien organisieren sich bei Pop-Veranstaltungen gelegentlich Schlägertrupps, die ihrerseits handgreiflich werden und die englischen Hell’s Angels verprügeln, sobald die eine Schlägerei anfangen wollen. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Friede ist kein verbrieftes Naturrecht der Popfestivals, allenfalls eine Utopie. Altamont war sicher nicht der Alltag der Rolling Stones oder ihrer Bewunderer, gewiß aber der Wirklichkeit gewordene Alltag ihrer Songs.