Von Hellmuth Karasek

Zur Zeit des Ausbruchs der Französischen Revolution studierte Hölderlin zusammen mit Schelling und Hegel im Tübinger Stift. In diesen Jahren kam der Herzog mehrmals zu "Visitationen". Auch wollte er dem Stift neue Statuten aufzwingen: Er fürchtete, wohl sehr zu Recht, daß die französischen Ideen die Stiftler angesteckt hätten.

In der Stuttgarter Aufführung des "Hölderlin" von Peter Weiss waren die Stiftsstudenten zwar in die Gewänder der Hölderlin-Zeit gekleidet, Sinclair aber, Hölderlins bester Freund, pinselte an die Wände den Spruch: "Tod den Tyrannen." Man sieht, wo Weiss mit seinem Hölderlin-Stück hinzielt: Von den deutschen Vorgängen des 18. Jahrhunderts soll sich ein Bogen spannen zu den Vorgängen des Pariser Mai und den parallelen deutschen Studentenunruhen. Und wenn Weiss eine Szene schrieb, in der Hölderlin seinen Freunden den "Empedokles" vorführt und dabei sagt, das Stück spiele "500 Jahr: vor unserer Zeitrechnung und heute", dann wird auch klar, daß Peter Weiss die Vergangenheit nur bemüht, um sie als Spiegel des Heute zu benutzen.

Man hat schon gesagt, daß der "Hölderlin" eine Rückkehr von Weiss zum "Marat de Sade‘ bedeute. Äußerlich betrachtet, ließe sich sagen, daß Weiss hier zum zweitenmal die gesellschaftliche Bedingtheit des Wahnsinns (Foucault) auf der Bühne untersuche. Und ähnlich wie im "Marat/de Sade" werden politische Themen hier wieder stärker in privaten, man kann sagen: autobiographischen Erfahrungen gespiegelt. Der weltenrichterweit entfernte Standpunkt der Dokumentarstücke scheint aufgegeben. Die Frage, was denn ein Dichter zu tun habe, der eine Revolution herbeischreibt, die dann nicht gleich stattfindet, hat Weiss für sich an Hölderlins Schicksal überprüft. Nicht also biographische Treue stand im Vordergrund, sondern historische Parallelität: Hölderlin als Musterfigur des Dichters, der, weil er schließlich sogar in den Wahnsinn flüchtete, vom herrschenden Bestehenden (das, was man heute auch "Establishment" nennt) nicht zu vereinnahmen war.

Warum Hölderlin? Weiss stützt sich auf die Thesen des französischen Germanisten Pierre Bertaux, der vor zwei Jahren mit seinem Buch "Hölderlin und die Französische Revolution" Aufsehen erregte. Die frappierendsten Teilstücke von Bertaux’ Hölderlin-Buch sind der Anfang und das Ende. Denn sicherlich läßt sich die jugendliche Beteiligung des Stipendiaten Hölderlin an den Ideen der Französischen Revolution nicht wegeskamotieren. Und das Ende im Wahnsinn, dessen eindeutiger Ausbruch im Jahr 1806, fällt mit der Verhaftung Sinclairs zusammen, der des geplanten Tyrannenmordes an dem Kurfürsten von Württemberg angeklagt war. Daß Hölderlin damals mit dem Ausruf: "Ich will kein Jakobiner sein. Vive le Roi!" seinen Wahnsinn ankündigte, läßt sich sicherlich als Flucht aus der drohenden politischen Pression deuten. Und auch der Umstand, daß der jahrzehntelang Umnachtete nur einmal noch auf politische Ereignisse hellwach reagierte (nämlich auf den griechischen Befreiungskampf), ist im Zusammenhang der Bertauxschen Untersuchung interessant.

Die Parallelen zwischen Hölderlins künftigen Gottheitsfesten, die seine "vaterländischen Gesänge" vorbereiten wollen, mit den Vernunftskulturen, die das Frankreich Robespierres feierte, sind in der Tat schlagend. Schwieriger wird es schon, Bertaux da zu folgen, wo er behauptet, die Dunkelheit der späten Gedichte Hölderlins sei aus politischer Vorsicht und Tarnung erfolgt; was Hölderlin geschrieben habe, sei auf Mahnung Hegels gewissermaßen in einen unverständlichen Geheimcode verschlüsselt; so wie Hegel sein Werk gegenüber der Zeit in Unverständlichkeit verschlüsselt habe.

Daß Hölderlin bei Bertaux ein Girondist ist (der beispielsweise Marats Tod und Dantons Hinrichtung begrüßt) und bei Weiss ein Jakobiner bleibt, scheint mir nicht so wichtig. Daß Hegel, anders als bei Bertaux, zum Gegenspieler avanciert, macht deutlich, daß Weiss in Hölderlin eine Figur sucht, die es sich mit der in die Restauration taumelnden deutschen Welt nicht einrichten kann.