Von Karl-Heinz Janßen

Der Herbst ist die Zeit der Geister und Gespenster. Und wieder wie 1955, als Adenauer nach Moskau flog, und 1968, als die Russen die Tschechoslowakei besetzten, werden sie wachgerufen: Rapallo und Jalta. Diesmal war es Brandts Reise auf die Krim, die besorgte Chefredakteure in der Bundesrepublik und im westlichen Ausland zur Feder greifen ließ, um Legenden, denen die Historiker seit Jahren vergebens den Garaus zu machen versuchen, mit neuem Leben zu erfüllen.

Typisch ist der Leitartikel von Ulrich Frank-Planitz in der Deutschen Zeitung (Christ und Welt). Unter der Überschrift: "Das Gespenst von Rapallo" schrieb er: "Der Bundeskanzler besuchte diese Woche die Welt von gestern. Denn Breschnjews Feriendomizil Oreanda auf der Krim ist ein Vorort jenes Jalta, in dessen Zarenschloß Liwadia Roosevelt, Stalin und Churchill im Februar 1945 die Aufteilung Deutschlands und Europas beschlossen haben." Nun liegt, wie schon der Spiegel so richtig bemerkt hat, Rapallo gar nicht auf der Krim, und die Sache mit Jalta ist nicht gar so peinlich, wie es uns aufgeregte CDU-Politiker weismachen wollen, die sich gebärden, als habe der Bundeskanzler 1971 in Jalta nachträglich die deutsche Teilung ratifiziert.

Daß in Jalta die Welt geteilt worden sei, ist ein Märchen, 1945 von de Gaulle erfunden, weil ihn die "Großen Drei" damals nicht dazugeladen hatten. Der Gedanke an eine Teilung der Welt in zwei Interessensphären lag den Staatsmännern von Jalta fern. Im Gegenteil: Sie gingen von der Idee der einen, ungeteilten Welt aus – Roosevelt wollte die Sowjetunion fest in die neue Friedensordnung einfügen, die noch im selben Jahr als UNO Gestalt annahm.

Die Aufteilung Deutschlands in mehrere Besatzungszonen war bereits 1944 von alliierten Kommissionen beschlossen worden, freilich unter der Voraussetzung einer gemeinsamen Verwaltung. Keineswegs wollten die "Großen Drei" das Deutsche Reich entlang von Elbe und Werra spalten. Offiziell behaupteten sie zwar, immer noch ein dismemberment im Sinn zu haben – also die Zerstückelung des Reiches in drei oder fünf Mittelstaaten; insgeheim hatten ihre Regierungen aber schon die Einheit eines (verkleinerten) Deutschlands anvisiert. Geteilt wurde erst in den Jahren des Kalten Krieges – zwischen 1946 und 1949.

Will man Breschnjew partout unterstellen, er habe Jalta der Symbolik (und nicht der Bequemlichkeit) halber als Stätte der Begegnung gewählt, so bleibt nur ein Motiv übrig: Er wollte einen Schlußstrich unter jene Epoche deutsch-sowjetischer Geschichte ziehen, die mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion begonnen hat.

Mit dem Schlagwort "Rapallo" liegen die Dinge komplizierter. Jener Vertrag, der am Ostersonntag 1922 in einem Badeort an der Riviera südlich von Genua zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich abgeschlossen wurde, wird selbst von denen unterschiedlich beurteilt, die sich in den diplomatischen Akten auskennen. Bundeskanzler Brandt zu Hans Ulrich Kempski, dem Chefkorrespondenten der Süddeutschen Zeitung: "Damals hat das Deutsche Reich einen außenpolitischen Entlastungsversuch unternommen gegenüber einem schwachen, von Revolutionswirren und Interventionskriegen noch völlig geschwächten Rußland. Das ist wohl nicht die außenpolitische Landschaft, in der wir uns heute bewegen."