Von Hans Schueler

Nordhorn

Auf der Bundesstraße 213 zwischen Längen und Nordhorn im Emsland rollt der Autofahrer durch ein Spalier von Totenköpfen. Sie starren blicklos aus großen, gelb-schwarzen Plakaten beiderseits der Fahrbahn und scheinen erhöhte Verkehrsgefahr zu künden. Aber der Unfalltod lauert nirgends auf der schnurgeraden, gut ausgebauten Strecke.

Die Gespenster wollen den Ortsfremden auf eine Plage hinweisen, unter der rund 100.000 Emsländer seit Jahren leiden und die sie nun nicht länger glauben ertragen zu können: „Schluß mit Lärm und Bomben, Nordhorn Range muß weg!“ Nordhorn Range ist die taktische Bezeichnung für ein Stück gottverlassenen Landes am Ems-Vechte-Kanal. Die Meßtischblätter verzeichnen es als „Engdener Wüste“.

An Tagen mit guter Sicht und klarem Wetter wird die Wüste zur Hölle: Aus ihren Warteräumen nördlich der Bundesstraße 213 heulen Düsenjagdbomber von fünf Nato-Staaten im Tiefstflug heran, beharken die Wüste mit ihren Bordkanonen und werfen Übungsbomben auf ausgediente Lastwagen und andere Manöverziele. Der rollende Einsatz britischer, amerikanischer, belgischer, holländischer und deutscher Piloten dauert oft von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Er deckt den Raum der Landkreise Lingen und Grafschaft Bentheim mit einer Lärmglocke zu, die in ihren Spitzenwerten Schmerzen erzeugt und deren durchschnittliche Phonstärke die Nerven bis zum Zerreißen spannt. Gelegentlich fallen Zementbomben und Rauchsprengsätze nach Fehlwürfen auch auf bewohntes Gelände.

Auf schwerkranke Menschen üben die Schallwellen, so der Chefarzt des Lingener Krankenhauses, „einen akut lebensbedrohenden Einfluß aus“. Für Gesunde sind sie „ein schädigendes Agens ersten Ranges“ (Professor Portheine, Chef des Stadt- und Kreiskrankenhauses Nordhorn). Die klinischen Praktiker können das vor allem an Infarkt- und Wundstarrkrampfpatienten exemplifizieren. Die Kranken erleiden einen regelrechten Lärmschock mit schweren Angstzuständen, beim Wundstarrkrampf begleitet von akuten Krampfanfällen mit Erstickungsnot. Es ist für die Mediziner naturgemäß schwer, festzustellen, ob Patienten am Lärmschock gestorben – sind, während sie in einer ruhigen Umgebung hätten gerettet werden können. Die Möglichkeit des Düsentodes allein bleibt erschreckend genug.

Am schlimmsten ergeht es den Bewohnern der Siedlung Klausheide, die unmittelbar vor dem Bombenzielplatz und in der Anflugschneise liegt. Freilich: Sie wußten oder hätten doch wissen können, was ihnen bevorstand, als sie in den fünfziger und sechziger Jahren ihre Einfamilienhäuser auf billigem Baugrund errichteten. Die „Engdener Wüste“ war damals schon Luftwaffenübungsgelände, wenn auch die zu jener Zeit geflogenen „Thunderstreaks“ und T 33 im Vergleich zum „Starfighter“ geradezu flüsternde Triebwerke hatten. Der Platz, ursprünglich Eigentum der Firma Krupp und zum Einschließen der Krupp-Kanonen benutzt, diente bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zur Kampffliegerausbildung. 1947 übernahm ihn die Royal Airforce, die auch heute noch auf Grund eines Abkommens zum Truppenvertrag als Halter fungiert und den übrigen Nato-Luftwaffen einschließlich der deutschen Mitbenutzungsrechte eingeräumt hat.