Von Andreas Kohlschütter

Bei einem seiner Besuche auf der Adriainsel Brioni ärgerte sich Nikita Chruschtschow über die nationalkommunistische Starrköpfigkeit seines Gastgebers Tito. Ungehalten fragte er den jugoslawischen Staats- und Parteichef: "Was soll man mit einem Soldaten tun, der bei der Parade nicht im Gleichschritt mit seinen Kameraden marschiert?" Der selbstbewußte Tito antwortete: "Es wäre wohl das beste, die Marschmusik zu ändern."

Auch dem Chruschtschow-Nachfolger, Leonid Breschnjew, der jetzt zum erstenmal seit 1966 wieder "abtrünnigen" jugoslawischen Boden betritt, wird die Belgrader Führung normalisierungsbereit, aber nicht unterwerfungsbereit gegenübertreten.

Die Hoffnung auf ein Arrangement mit Moskau hat Tito nie aufgegeben. Dabei ließ er sich von realpolitischen Überlegungen, aber auch vom Heimweh des Altkommunisten nach der heilen kommunistischen Welt leiten. Selbst 1948, nach dem dramatischen Bruch mit Stalin und dem Bannstrahl der Kominform gegen die Belgrader "Clique von Mördern und Spionen", beeilte sich Tito durch die forcierte Kollektivierung der Landwirtschaft seine ungebrochene Dogmentreue unter Beweis zu stellen. Trotzdem, hat er an seinem nationalen Glaubensbekenntnis nie rütteln lassen: Der jugoslawische Kommunismus, durch den jugoslawischen Partisanenkampf im Zweiten Weltkrieg legitimiert, wird nicht von Moskau, sondern von Belgrad aus befohlen.

Auch jetzt in der Vorbereitungsphase für den Breschnjew-Besuch regten sich diese zwei Seelen in Titos Brust. So wurde entgegen der diplomatischen Usance wenige Tage, bevor sich in Belgrad der rote Teppich für den sowjetischen Parteichef ausrollte, der jugoslawische Botschafter in Moskau, Micunovic, von seinem Posten abberufen. Micunovic, der sich 1968 im jugoslawischen Parlament scharf gegen die Invasion der Tschechoslowakei ausgesprochen hatte, war vom Kreml nie gern gesehen worden. Seine Rückberufung im jetzigen Zeitpunkt muß daher als atmosphärische Geste Belgrads gegenüber Moskau gewertet werden.

Das gleiche gilt wohl auch für den kürzlichen Zensurentscheid eines Belgrader Gerichts gegen die Zeitschrift Kultura. In der Urteilsbegründung wurde der Abdruck eines bestimmten Artikels als eine Gefährdung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Jugoslawien bezeichnet. Schon 1969, unmittelbar vor der Visite des sowjetischen Außenministers Gromyko, waren die Belgrader Zensur- und Polizeiorgane mit unerwarteter Härte gegen einen Publizisten vorgegangen, der Kritik an der Sowjetunion geübt hatte.

Tito wollte in Moskau vor Breschnjews Anreise aber nicht nur durch diplomatische Höflichkeiten auffallen. Auf dem Schlachtfeld von Tientiste im bosnischen Bergland, wo die jugoslawischen Partisanen 1943 eine blutige Schlacht gegen die deutschen und italienischen Besatzer bestanden, steckte Tito vor einigen Tagen in einer großen Rede wieder einmal die Grenzen ab, an die sich jeder Modus vivendi mit Moskau zu halten hat. Er warnte vor den äußeren und inneren Feinden, zu denen er auch jene rechnete, die im Zweiten Weltkrieg auf den "Einmarsch der Roten Armee zur Befreiung warteten". Er rief zur Verteidigungsbereitschaft "für die Freiheit unseres Landes" auf, "denn wir haben genügend Erfahrungen, um zu wissen, daß ein unbewaffneter Staat heute wieder um seine Unabhängigkeit fürchten muß". Titos Feindbild war deutlich von östlichen Farben geprägt.