Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im September

Als ich neulich zur aktuellen Wirtschaftslage im Bundestag gesprochen hatte", berichtete Willy-Brandt vor einigen Monaten auf dem Jahresbankett des Vereins der Auslandspresse in Bonn, "wollte einer Ihrer deutschen Kollegen wissen, wer denn wohl die Rede gemacht habe. Er mußte sich die Antwort gefallen lassen, daß der Bundeskanzler das auch noch selbst kann. Und manche meinen sogar, dann werde es gar nicht so schlecht."

Der Kanzler sprach die reine Wahrheit. Wenn die Ghostwriter zu den unbekannten Wesen auf der Bonner Bühne zählen, dann nicht deshalb, weil sie sich in den Kulissen der Anonymität verstehet hielten, sondern weil für die politische Prominenz so viele Federn tätig sind, daß der Einfluß eines einzelnen im Kollektiv der Zuarbeiten aufgehoben oder zumindest relativiert wird: Die klassische Figur des Ghostwriters, der ein. "alter Ego" seines Auftraggebers ist und – seine verborgene Macht dadurch gewinnt, daß er desseif-Gedanken teilt, aber besser zu formulieren versteht – diese Figur kennt das Bonn der siebziger Jahre nicht oder nicht mehr.

Warum dies so ist, wird am Beispiel des Regierungschefs besonders deutlich. Willy Brandt hat viele Berater, die ihm auch publizistisch zuarbeiten. Geht es um die Ost- und Deutschlandpolitik, ist Egon Bahr sein Mann, der, weil er mit dem Kanzler seit langen Jahren befreundet ist und beide Journalisten waren, bei seiner publizistischen Mitarbeit jenem klassischen Bild vom Ghostwriter noch am nächsten kommt; handelt es sich um die Außenpolitik im allgemeinen, liefernder zuständige Abteilungsleiter in der Regierungszentrale, Ulrich Sahm, Redeentwürfe; steht die Wirtschaftspolitik zur Debatte, führt zunächst Karl Otto Pöhl, Abteilungsleiter Wirtschaft im Kanzleramt, die Feder.

Geht es um generelle Darstellungen der Regierungspolitik, so sind in aller Regel die beiden Regierungssprecher Conrad Ahlers und Rüdiger von Wechmar mit Von der Partie; ist der SPD-Vorsitzende Brandt gefragt, so tritt die Parteizentrale in Aktion. Unter ihren Ghostwritern hat Leo Bauer, der als ehemaliger Kommunist von interessierter Seite, gern als ideologische graue Eminenz Brandts hinaufstilisiert wird, nur eine Teilfunktion: Er wird vor allem dann hinzugezogen, wenn es um die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus geht.

Schließlich umfaßt der Kreis der Zuarbeiter auch Personen, die mit dem politischen Getriebe in Bonn nicht unmittelbar zu tun haben: daß Günter Grass zu jenen Passagen in Brandts Regierungserklärung beigetragen hat, die sich mit dem Demokrativerständnis dieser Regierung befaßten, ist kein Geheimnis. Manches Gespräch des Kanzlers mit Freunden oder guten Bekannten aus literarischen Bezirken führt zu der Aufforderung: "Schreib das doch mal auf." Der Vorentwurf zu Brandts vielbeachteter Rede auf dem Stuttgarter Schriftstellerkongreß wird zum Beispiel Paul Schallück zugeschrieben.