Von Toni Kienlechmer

Liebe Herren von der Region! Da es nun ein extra Amt für solche Sachen gibt und da niemand mehr meine Kunst erlernen will und meine Geheimnisse mit mir aussterben, schenke ich Euch meine Werkstatt als ein Museum, das Surrealismus geworden ist. Herzliche Grüße,

Guiseppe Ortiga, genannt Toni.

Die "Herren von der Region", nämlich der seit fünf Jahren mit Selbstverwaltung ausgestatteten "Region Friaul-Julisch Venetien", die kürzlich diesen seltsamen Brief erhielten, haben eigentlich anderes im Sinn. Sie wollen das traditionelle Kunsthandwerk des Friaul nicht in "surrealistisch gewordenen Museen" erhalten, sondern wollen es wiederbeleben, Märkte suchen, exportieren, Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten schaffen für jene karge nordöstliche Ecke Italiens, die immer ein Stiefkind des Staates gewesen ist.

Am Beispiel des Toni Ortiga aber zeigt sich, daß nicht alle Blütenträume der tüchtigen Selbstverwalter reifen können, wenn der Nachwuchs fehlt. Toni Ortiga hat sein Leben lang künstlerische Türklinken geschmiedet. Von der Stiefelabsatzspitze Apuliens bis hinauf nach Wien hat er in unzähligen Schlössern und Herrschaftshäusern alle jene Metallteile ersetzt, Schilder, Klinken, Schlösser und Schlüssel in allen Stilarten von der Renaissance bis zum Jugendstil, die in der Verfallszeit verlorengegangen sind. Die Wohlstandsgesellschaft bringt auch in Italien alles Antike wieder auf Hochglanz. Arbeit und Aufträge gäbe es genug, aber niemanden, der sie ausführen könnte. Toni Ortiga war ein Einzelgänger.

Anderen Handwerkskünsten kann das neugeschaffene Förderungsamt noch rechtzeitig mit Krediten und Propaganda unter die Arme greifen und sie vor dem Aussterben retten. Das Friaul war von jeher aus Not erfinderisch. Ganze Ortschaften spezialisierten sich auf eine bestimmte Produktion.

In Spilimbergo holte man die bunten, runden Kiesel aus dem kilometerbreiten Flußbett des Tagliamento und setzte daraus die berühmten Mosaike in venezianischer Manier. Heute erfährt die dortige Mosaikschule nach langem Niedergang neuen Auftrieb durch den Bauboom.