Dilettantische Methoden schaden der Ostpolitik

Von Marion Gräfin Dönhoff

Was wohl mit dem Bundeskanzleramt los ist? Kaum je ist es einer Instanz gelungen, soviel Leute auf einmal – sieben auf einen Streich – zu treffen, zu verletzen, zu ärgern. Die Krimreise, die doch offenbar als besonderer Coup gedacht war und über die darum niemand rechtzeitig informiert oder konsultiert wurde, droht in eine Art Krimkrieg auszuarten.

Von den drei Alliierten, die sich gerade in wochenlangen Sitzungen für Berlin mit. Moskaus Botschafter herumgeschlagen haben, ist wohl nur einer nachhaltig verärgert; aber auch die anderen sind mindestens verwundert, daß man sie – die Mitwirkenden – über den zweiten Akt nicht rechtzeitig ins Bild gesetzt hat. Das Kabinett ist verschnupft und argwöhnisch, weil der Regierungschef seine "Mannschaft" (wie es während der Wahlkämpfe, Solidarität und Teamarbeit verheißend, klang) nicht zu Rate gezogen hat. Das Auswärtige Amt, das in den meisten Ländern für die Außenpolitik zuständig ist, weil es nun einmal alle relevanten Informationen sammelt und den notwendigen Sachverstand kultiviert, ist arg verstimmt, weil es übergangen wurde; die beiden Staatssekretäre erfuhren von dem Unternehmen erst am 7. September, als die Nachricht dem Volk verkündet wurde. Desgleichen ist das Informationsamt erbost, weil seine Spitzen nicht mit auf die Krim reisten, und die Opposition ist es auch – erstens aus Prinzip und zweitens aus parteipolitischen Gründen.

Das ist wirklich eine imposante Strecke. Was mag da wohl dahinterstecken? Auch wer für die Ostpolitik ist und mit Befriedigung feststellt, daß diese Regierung endlich das Gesetz des Handelns ergriffen hat – auch den beschleicht jetzt eine gewisse Skepsis. Warum die Geheimniskrämerei, fragt man sich und denkt, es müssen ganz außerordentliche Gründe gewesen sein, sonst hätte doch nichts näher gelegen, als sich mit seinen Freunden zu beraten und dann öffentlich und rechtzeitig zu erklären, was man vorhat.

Um so größer ist dann die Überraschung, wenn man feststellt, daß es weder Ansätze für Rapallo oder Tauroggen noch für andere Visionen gibt, daß im Gegenteil alles ganz bieder und hausbacken geplant und in Szene gesetzt worden war – nur eben sehr dilettantisch. Ob das ein Trost ist? Eigentlich nein, denn der Beobachter könnte sich natürlich besorgt fragen, ob – wenn die Methode so planlos ist – die Politik womöglich auch nicht richtig durchdacht ist.

Recherchen in Bonn fördern zutage, daß Egon Bahr nicht, wie es mancherorts heißt, den ganzen Sommer lang über geheimnisvolle Kanäle mit Moskau verhandelt hat, um eine Einladung für den Bundeskanzler zu erreichen, sondern daß das Palais Schaumburg höchst überrascht war, als Botschafter Falin am 1. September im Bundeskanzleramt eine Einladung Breschnjews überbrachte.