Vor zwei Jahren hat Alexander Solschenizyn versucht, seinem großen epischen Thema, der Welt der stalinistischen Straflager, auch als Dramatiker gerecht zu werden. Das Schauspiel –

Alexander Solschenizyn: "Nemow und das Flittchen", aus dem Russischen von Gisela Drohla; Sammlung Luchterhand 20, Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied; 130 S., 4,80 DM

– in dessen zehn Szenen nicht weniger als 55 redende Figuren auftreten (von der unbestimmten, auf jeden Fall nicht unbeträchtlichen Zahl stummer Rollen ganz zu schweigen) will alles für das Lagerleben Typische und die Struktur der Lagergesellschaft Kennzeichnende vor Augen führen. Das geht, im engen Rahmen, den die Forderung nach Aufführbarkeit vorschreibt, zwangsläufig auf Kosten der Intensität. Solschenizyn bietet Illustrationen. Deutlich färbt das Vorbild sozialistisch-realistischer Schauspiele ab. Auch wenn der Autor Figuren vorführt, die dort nicht vorkommen, zeigt er sie in dramaturgisch vergleichbarer Funktion: als scheinbare Individuen (ihre physische Erscheinung wird in den ausführlichen Regieanweisungen genauestens vorgeschrieben), die nicht sich selbst, sondern ein bestimmtes Bild der Wirklichkeit bestätigen sollen. Zwar ist Solschenizyns Bild der Wirklichkeit nicht nach ideologischen Direktiven, es ist nach der eigenen Erfahrung entworfen. Aber es bleibt hier zu flach, weil es nicht hinreichend erklärt, was es schildert.

Um dem Bilderbogen Zusammenhalt geben und zur Sprache bringen zu können, worüber die Lagergesellschaft, weil es für sie selbstverständlich ist, normalerweise nicht redet, bringt der Autor, eine Außenseiterfigur ins Spiel.

Nemow, der in mancher Hinsicht an Nershin, einen der Protagonisten des Romans "Der erste Kreis der Hölle", erinnert und wie dieser gewisse autobiographische Züge trägt, ist als Offizier von der Front weg verhaftet worden. Eine Woche vor Beginn der Handlung (sie ist in den Oktober 1945 datiert) ist der wegen antisowjetischer Agitation Verurteilte als Neuling ins Lager gekommen. Aus Gründen, die nicht mitgeteilt werden, hat ihn der Lagerkommandant, bevor er eine Dienstreise antrat, mit einer wichtigen Funktion betraut, Als Arbeitsleiter hat Nemow jene Mithäftlinge, die nicht das Privileg genießen, "gute Posten" in der hierarchisch gegliederten Lagergesellschaft einzunehmen, zur Arbeit einzuteilen und für die Steigerung der ewig mangelhaften Produktivität zu sorgen. Wie als Frontoffizier, so fühlt sich Nemow auch als Arbeitsleiter für die seiner Weisung Unterstellten verantwortlich. Er kümmert sich um Sicherheit am Arbeitsplatz, streicht, um Gerechtigkeit bemüht, den Privilegierten ihre Sonderrationen und verhindert, daß sie die ohnehin kärglichen Zuteilungen an Arbeitskleidung unterschlagen können. Die ihm mit dem Posten gegebene Chance, sich selbst Vorteile zu verschaffen, nutzt er zur grenzenlosen Verwunderung aller Lagerinsassen nicht aus. Seine Gegner diffamieren und denunzieren ihn beim Kommandanten und empfehlen mit Erfolg einen geeigneteren Nachfolger, der ihre Privilegien garantiert und mit einem Katalog skrupelloser Maßnahmen immense Leistungssteigerungen zu erwirken verspricht. Fortan wird bei der Lagerarbeit mehr denn je gepfuscht.

Nemow aber empfindet seinen Sturz als Befreiung. Als einfacher Arbeiter fühlt er sich bedeutend wohler. Sogar das Glück stellt sich ein: Er verliebt sich in die Mitgefangene Ljuba, das im Titel erwähnte Flittchen. Doch die von ihr erwiderte Zuneigung bleibt nicht ungetrübt, da der einflußreiche Lagerarzt (ebenfalls ein Häftling) Ljuba in seine Weibersammlung einreihen will und für den Weigerungsfall androht, er werde dafür sorgen, daß entweder sie oder Nemow in ein anderes Lager abtransportiert wird. Ljuba fügt sich. Wie Nemow darauf reagiert, erfahren wir nicht. Der Autor erspart ihm eine Entscheidung, indem er ihn am Arbeitsplatz schwer verunglücken läßt. Der melodramatische Einfall wird am Ende der letzten Szene durch die beruhigende Mitteilung abgeschwächt, daß Nemow den Unfall überlebt habe.

Als einzige Figur erfährt Nemow eine gewisse Entwicklung, bleibt aber trotz der ihm gelegentlich in den Mund geschobenen selbstkritischen Äußerungen allzu idealtypisch, zu sehr durch die dramaturgische Funktion determiniert, als daß er als Person zu überzeugen vermöchte. Aber auch als "szenisches Bindemittel" ist er nur begrenzt tauglich. Solschenizyn ergänzt die immanente Organisation seines Materials von außen her, indem er der Vollständigkeit halber auch Streiflichter und Zustandsbilder aus dem Lagerleben, die sich nicht mit der Nemow-Handlung verknüpfen lassen, ins Spiel einbringt.

Eine Inszenierung dieses Schauspiels ist schwer vorstellbar. Die naive Zuversicht des Autors, daß sich nach seinen detaillierten Vorschriften (die in Wahrheit Nachschriften sind, Außenbeschreibungen eines authentischen Schauplatzes und vermutlich authentischer Personen) das Lager aus Pappmache und bemalter Leinwand auf der Bühne wiederherstellen lasse, muß nicht erst durch einen Versuch als falsch widerlegt werden. Als Lesestück aber bleibt "Nemow und das Flittchen" weit hinter dem zurück, was der Erzähler Solschenizyn zum Thema gesagt hat.