Frankreichs Polizei und ihr Dienstherr, Innenminister Marcellin, stehen noch immer auf Kriegsfuß. Nach der "Kriegserklärung" einer Polizeigewerkschaft auf einem Kongreß in Evian – unter anderem war von der Besetzung des Finanzministeriums und des Elysée-Palastes die Rede – hatte Marcellin gegen fünf führende Polizeibeamte Disziplinarmaßnahmen verhängt. Der Dachverband der Polizeigewerkschaften kündigte daraufhin "außerordentlich harte Maßnahmen" an, falls Marcellin seine Entscheidung nicht rückgängig mache, was der Innenminister jedoch ablehnte. Bis zur Herbstsitzung der Nationalversammlung im Oktober wollen aber beide Seiten einen vorläufigen Burgfrieden einhalten.

Die rund 100 000 französischen Polizisten verlangen innere Reformen und Gehaltsaufbesserungen. Marcellin hält ihnen entgegen, daß Premier- und Finanzminister seine Kreditforderungen für das kommende Jahr nur zur Hälfte erfüllt haben.

Französische Zeitungen sehen jedoch in der Kraftprobe mit der Regierung eher einen Ausdruck der Unzufriedenheit und Verunsicherung. Nach dem Mai 1968, als die Polizei die Unruhen niederschlug, ist sie in der Öffentlichkeit wegen ihres Vorgehens besonders gegen die Linke angegriffen worden. Im letzten Vierteljahr wurden mehrere Fälle von angeblich brutalem Verhalten in der Presse heftig angeprangert.