Im ersten Akt steckt eine ältere Dame bis zu den Hüften im Sand, im zweiten Akt ragt nur noch ihr Kopf ins Freie: das ist alles, was in Becketts "Glücklichen Tagen" "geschieht". Aber dieser hoffnungsloser werdenden Bewegungslosigkeit korrespondiert eine plappernd bewegliche Zunge: die "Glücklichen Tage" sind das Stück Becketts, in dem die Zunge den Körper verzweifelt überdauert – und wenn das Stück in allen bisherigen Aufführungen, die ich sah, faszinierte, dann wegen seiner gleichzeitig hämisch und bewundernd vorgespielten Konstatierung eines paradoxen menschlichen Optimismus in den pessimistischsten Lebenslagen.

Man mochte das Stück als Abbild des Weltuntergangs sehen, der der betroffenen Winnie dennoch ihren lauthals und gleichzeitig beharrend verzweifelten Optimismus nicht rauben könne; man mochte meinen, daß Beckett hier "nur" eine Ehe vor Augen hat, in der die Beziehungen der Partner bis zum Hals verschüttet sind – stets mußte als der große "Trick", als der Grundeinfall des Stücks erscheinen, daß es Beckett hier gelang, den Kitsch als ernstesten Ausdruck der Abwehr einer Bedrohung zu mobilisieren. Anders ausgedrückt: auch in der ausweglosesten Krise ("ausweglos" ist hier ganz wörtlich zu verstehen) wächst der Winnie nicht etwa tragische Größe zu, sondern sie reagiert als Salondame, als Plappermaul, hält sich an Banalitäten verzweifelt aufrecht. Das Überplaudern der Angst und die Angst selber werden identisch. Und nur aus dem Kitsch ergibt sich, wenn man so will, die heroische Größe.

Langer, verlegener Vorrede kurzer Sinn: wenn Beckett jetzt sein Stück als drittes (nach dem "Endspiel", nach dem "Letzten Band" in der Werkstatt des Schillertheaters in Berlin inszenierte – übrigens wieder vor einer geradezu ergriffenen Gemeinde, die bereit war, Becketts nihilistischem "Wort zum Sonntag" zu lauschen –, dann hätte man erwartet, daß er dem Stück das abgewinnen würde, was seine Inszenierungen bisher so wohltuend von denen vieler seiner Interpreten unterschied: die Theaterdarstellung von "Philosophie" als Slapstick, als clowneskes Spiel, das allen "Tiefsinn" an die Oberfläche des salonhaften Parlandos, in den scheinbaren Übermut holpernd verfehlter Verrichtungen überführt.

Nun mag es lächerlich-besserwisserisch klingen, wollte man sagen, daß Beckett seine "Glücklichen Tage" mißverstanden habe: aber wenn seine Inszenierung seine ideale Interpretation darstellt – ist dann das Stück nicht, wie es Eva Katharina Schultz spielte, eine Weihestunde des Weltuntergangs, mit viel Selbstbeweihräucherung vorgetragen und um eine "Würde" bemüht, die wie altjüngferliche Rechthaberei (auf mich) wirkte? Man hörte und starrte stumpf in Pausen, die nur Löcher waren; man bemerkte, wie einzelne "Nummern", die die Winnie aufbietet, um die immer endlos gleich öden Tage rumzukriegen, nicht mehr als kalt theatralisch hergestellte Nummern waren – denen noch das Schlimmste passierte, was kalten Nummern passieren kann: Sie waren weder von einer angestrebten Kläglichkeit, weil dazu zu ambitioniert, noch von einer großartigen Virtuosität, weil dazu zu sehr um verlegene "Lebensechtheit" bemüht,

Was man so, gleichzeitig zelebriert und verwaschen, hören konnte, war eine Klage über das Elend des Lebens, auf die man sich nur allzu schnell hätte einigen können. Aber nicht daß Beckett klagt, ist ja an seinen Stücken interessant, sondern daß er dazu, mit wunderbarer Reduktion, einfachste, komische, unsere Erfahrungen durch die absurde Umkehrung belehrende Mittel gefunden hat.

Davon war aber leider nichts zu spüren in den "Glücklichen Tagen" von Berlin.

Hellmuth Karasek