Zu ihrer 26. Vollversammlung traten am Dienstag die Vereinten Nationen in New York zusammen. Im Mittelpunkt der dreimonatigen Sitzung stehen neben der Aufnahme von Bhutan, Bahrain und Qatar, womit sich die Mitgliederzahl auf 130 erhöht, die Neuwahl des Generalsekretärs und die Zulassung der Volksrepublik China.

Der derzeitige Generalsekretär U Thant will nach zehnjähriger Amtszeit nicht mehr kandidieren. Als Nachfolgedandidaten sind der finnische UN-Delegierte Max Jakobson, der frühere Wiener Außenminister Kurt Waldheim und der UN-Hochkomnissar für Flüchtlingsfragen, Prinz Sadruddin Aga Khan, im Gespräch. Eine Entscheidung wird nicht vor November erwartet.

In seinem letzten Jahresbericht setzte sich U Thant für eine beschleunigte Zulassung geteilter Nationen ein. Ihre Aufnahme würde die Siehe nach einer Lösung ihrer Probleme nur erleichtern. Die Bundesregierung erklärte dagegen, eine Mitgliedschaft beider deutscher Staaten sollte am Ende der Normalisierung stehen.

Mit großer Spannung wird die Debatte um die Aufnahme Pekings erwartet. Der amerikanische Außenminister Rogers und Präsident Nixon hatten in der vergangenen Woche erklärt, die USA würden einen Antrag einbringen, die Volksrepublik China aufzunehmen, aber den Sitz Nationalchinas (Taiwan) in den UN zu erhalten.

"Selbstverständlich" – so versicherte Nixon ausdrücklich – bedeutet dies auch, daß Peking den ständigen Sitz im Sicherheitsrat einnehmen werde. Washington äußerte sich optimistisch, daß die Volksrepublik ihre bisherige starre Haltung – Eintritt nur bei Ausschluß Taiwans – revidieren werde. Pekings "Nein" wird als taktische Maßnahme gedeutet, um einen entsprechenden albanischen Antrag nicht von vornherein zu entwerten.

Unklar ist freilich noch, ob Taiwan in einer solchen Frage von seinem bisher nur sparsam ausgeübten Vetorecht im Sicherheitsrat Gebrauch machen darf. Die Regierung in Taipeh hat die amerikanischen Absichten als Bruch der UN-Charta bezeichnet, aber offengelassen, wie sie reagieren werde. Allerdings wurde eine Reaktion aufmerksam registriert: Zum erstenmal seit fast 20 Jahren differenzierte Taiwan zwischen russischen und chinesischen Kommunisten.

Die amerikanische Absicht, auf jeden Fall Taiwans Mitgliedschaft zu erhalten, soll auf japanisches Drängen hin entstanden sein. Tokio fühlt sich durch Nixons China- und Wirtschaftspolitik in einem Maße überfahren, daß Ministerpräsident Sato von seinen Kritikern bereits als politisch toter Mann gesehen wird. Peking stimmte in den Chor ein: Verhandlungen – so ließ es Tokio wissen – könnten nur mit einer "anderen japanischen Regierung" geführt werden.