Goethes Herzog, Karl August, hatte ein "Vorurteil" gegen den "Tasso" und riet dem Dichter von dem Stück ab. Hatte er erkannt, daß Goethe in dem Stück, zumindest in der ersten Fassung von 1780/81, den italienischen Renaissance-Dichter, zum Vehikel autobiographischer Nöte als Hofdichter, in Weimar und als Kritikfigur einer Gesellschaft eingesetzt hatte, die Kunst nur zur Zierde nahm und den Dichter als ihren Besitz betrachtete?

Wenn Goethe als Thema seines "Tasso" definierte: "Es ist die Disproportion des Talents mit dem Leben", dann steckt in dieser Ausweitung ins Allgemeine auch der Kern der weitverbreiteten späteren Ansicht, nicht gesellschaftliche Mißverhältnisse seien an dem Konflikt zwischen Dichter und Hof, Dichter und Umwelt schuld, sondern auf einer vorgegebenen schicksalhaften "Disproportion" beruhe die unaufhebbare Tragik.

Als Peter Stein vor drei Jahren den "Tasso" in Bremen inszenierte, stellte seine Aufführung den von Goethe und vor allem von der Nachwelt zur Allgemeingültigkeit zugeschütteten Graben zwischen der Rolle des Dichters und der Gesellschaft, die dieser nicht mehr akzeptiert und daher von ihr ausgespien wird, wieder her. Das Theater begann erneut über seine Rezeption nachzudenken, sie zu spiegeln.

Man mag – ohne allzu große Anstrengung – in der deutschen Hölderlin-Rezeption eine Wiederholung des Tasso-Falles sehen. Als Hölderlin Goethe 1797 in Frankfurt aufsuchte, war Goethe der "Herzog", der "abriet".

Die Ähnlichkeit jedenfalls ist frappierend: Goethe, der zu einem Tasso griff, um sich seine Schwierigkeiten schreibend von der Seele zu schaffen, sein mögliches Schicksal als Warnung zu Papier bringend, damit es nicht sein wirkliches Schicksal werde. Und Peter Weiss, der Hölderlin eine Unangreifbarkeit durch die Welt attestiert, die in keine Verwicklung mit weltlichem Schmutz führt, dafür grausige Konsequenz – in den Wahnsinn mündet.

Ist dies die "Disproportion" des vorlaufenden Klassenkampf "mit dem Leben"?

Im Jahressonderheft der Zeitschrift, "Theater heute" hat Ernst Wendt, ausgehend von Steins "Tasso", an der deutschen Theaterszene der jüngsten Zeit konstatiert, daß sich ihr Blick auf die deutsche Klassik, ihr Verhältnis zur französischen und zur ausgebliebenen deutschen Revolution verändert habe.