Wenn ein Student an die Universität kommt, so weiß er nicht, welche Maßstäbe er anlegen soll. Daher übernimmt er die Maßstäbe, die er vorfindet. Da die intellektuellen Maßstäbe in den meisten Philosophenschulen (und ganz besonders in der Soziologie) den Schwulst und das angemaßte Wissen zulassen (alle diese Leute scheinen sehr viel zu wissen), werden auch gute Köpfe völlig verdreht. Und die Studenten, die durch die falschen Anmaßungen der "herrschenden" Philosophie irritiert sind, werden, mit Recht, zu Gegnern der Philosophie. Sie glauben dann, zu Unrecht, daß diese Anmaßungen die der "herrschenden Klasse" sind und daß eine von Marx beeinflußte Philosophie es besser machen würde. Aber der neuzeitliche linke Kohl ist gewöhnlich noch etwas anrüchiger als der neuzeitliche rechte Kohl.

Was haben die Neodialektiker gelernt? Sie haben nicht gelernt, wie schwer es ist, Probleme zu lösen und der Wahrheit näher zu kommen. Sie haben nur gelernt, wie man seine Mitmenschen in einem Meer von Worten ertränkt.

Ich streite mich deshalb nicht gern mit diesen Leuten herum; sie haben keine Maßstäbe.

Es wird Sie vielleicht interessieren, daß wir bisher in meinem Department (für Philosophie, Logik und wissenschaftliche Methoden) an der London School of Economics während der ganzen Studentenunruhen nur einen einzigen revolutionären Studenten hatten. Der hatte so viel Gelegenheit, seine Meinung zu vertreten, daß er keinen Grund hatte, sich zu beklagen. Meine Kollegen in meinem Department und ich haben niemals autoritär oder dogmatisch gelehrt. Unsere Studenten wurden immer (seit ich das Department 1946 übernahm) aufgefordert, die Vorlesungen zu unterbrechen, falls sie entweder etwas nicht verstehen oder anderer Meinung sind; und sie wurden nie von oben herab behandelt. Wir haben uns nie als große Denker aufgespielt. Ich mache es immer und überall klar, daß ich niemanden bekehren will: Was ich den Studenten vorsetze, sind Probleme und Lösungsversuche. Natürlich mache ich es ganz klar, wo ich stehe – was ich für richtig und was ich für falsch halte.

Obzwar ich fast immer an scharf bestimmten wissenschaftlichen Problemen arbeite, so geht durch alle meine Arbeit ein roter Faden: für kritische Argumente – gegen leere Worte und gegen die intellektuelle Unbescheidenheit und Anmaßung – gegen den Verrat der Intellektuellen, wie es Julien Benda nannte. Ich bin der Überzeugung, daß wir – die Intellektuellen – fast an allem Elend schuld sind, weil wir zu wenig für die intellektuelle Redlichkeit kämpfen. (Am Ende wird deshalb wohl der sturste Anti-Intellektualismus den Sieg davontragen.) In der "Open Society" sage ich das in hundert verschiedenen Angriffen auf die falschen Propheten, und ich nehme kein Blatt vor den Mund.

Sie wollen, so scheint es, wissen, was ich für Gründe dafür habe, daß ich nicht mit Professor Habermas diskutieren will.

Hier sind meine Gründe. Sie bestehen (1) aus Zitaten aus dem "Positivismusstreit", von Professor Habermas, vom Beginn seines Nachtrages zur Kontroverse zwischen Popper und Adorno (nota bene, ich habe bis zum 26. März 1970 nie ein Wort über Adorno oder über Habermas veröffentlicht), und (2) aus meinen Übersetzungen. Manche Leser werden finden, daß es mir nicht gelungen ist, den Grundtext adäquat zu übersetzen. Das mag sein. Ich bin ein ziemlich erfahrener Übersetzer, aber vielleicht bin ich für diese Aufgabe zu dumm. Wie dem auch sein mag, ich habe mein Bestes getan: