Im Hinausgehen, nach einem Buh-Konzert mit obligater Trillerpfeifenbegleitung, meinte eine Wiener Dame: "Das ist sicher wieder ein Stück für Deutschland." Ihr Mißmut, daß die außer Rand und Band geratenen nordischen Nachbarn Österreichs wilde Söhne auch dann aufnehmen, wenn die zu Hause nichts werden können, war unüberhörbar. Aber hat sie auch recht?

Wird man hierzulande "nachvollziehen" können, was für eine Denkmalschändung in Wolfgang Bauers neuem Stück "Silvester oder Das Massaker im Hotel Sacher" schon dadurch stattfindet, daß das Prunkhotel vis-à-vis der Oper (Spezialitäten: Torte und Tafelspitz) hier zu einer wüsten Verbal-Orgie mit anschließender Möbelzertrümmerung verwendet wird? Denn das "Sacher" ist eines der geheiligtesten Güter der Nation – Symbol jener Doppelmonarchie aus Tradition und Tourismus.

Hätte Bauer nur gegen den geheiligten Wiener Service verstoßen – das Stück wäre ihm vom Publikum wie seine bisherigen Werke verziehen worden. Aber Bauer rennt hier nicht nur gegen den Kulturbetrieb an wie in seinen bisherigen Erfolgsstücken, sein Massaker richtet sich vielmehr vor allem gegen sich selbst.

Ein Autor, der sich selbst mit verzweifelter Berserkerwut auf der Bühne schlachtet, weil er es satt hat, Wirkungen zu produzieren: das ist das Thema des Stücks.

Wolfram Bersenegger, wie Bauer Autor und mit ihm nicht nur die Initialen teilend, hat einem Intendanten für die Stunde der Jahreswende ein Stück versprochen. Da er zum Schreiben seit Jahren zu faul ist, hat er sich einen Trick ausgedacht. Er versteckt in einem Luxus-Appartment des Hotels Sacher Mikrophone, um das Party-Geschwätz geladener Freunde aufzunehmen und es dem Intendanten zu Mitternacht als sein neues Stück anzudrehen.

Bald läuft der von Bauer schon in seinen bisherigen Stücken sozusagen mitbuchstabierte Kulturbetrieb der Wiener Avantgarde auf vollen, öden Touren: Ein Intendant ölt seine angepaßte Fortschrittlichkeit vor sich hin und posiert in eitler Bescheidenheit; Frauen misten sich an und tauschen Bettgeschichten aus; Männer füllen sich trotz fortgeschrittener Magenleiden mit scharfen Schnäpsen ab, dazwischen wird gebumst, gequetscht, Eitelkeiten werden hervorgekehrt und Pläne entwickelt. Für Insider muß es ein Riesenspaß sein, Bauers lebendige Vorbilder in dem Stück wiederzuerkennen: etwa den Allround-Künstler Hans-Georg Behr oder den in Berlin zu Ruhm gekommenen österreichischen Schauspieler, der auf der Wiener Welle reitet. Diesen Teil des Stücks war das Publikum durchaus bereit, als neue Variante einer Boulevard-Belustigung zu nehmen.

Aber Bauers Stellvertreter auf der Bühne hat das Sacher-Fest so arrangiert, daß es diesmal bei "Change"-Belustigungen und "Magic-Afternoon"-Sensationen nicht bleibt. Wenn man versteht, daß die beiden bisherigen Stücke schon •"Künstler-Dramen" waren, die von der Manipulierbarkeit und erforderten Robustheit des Autors handelten, dann weitet sich das "Massaker" zu einem Künstler-Drama über Künstlerdramen. Bauers Opfer, denen er das Tonband entgegenhält, emanzipieren sich: Ein ungetümes Unikum namens Robbespierre spielt nicht mit, und in einer eingeladenen Theatertruppe, die kurz vor Mitternacht My Lai im Hotelzimmer spielt (wozu nicht nur die Fernsehkameras surren, sondern auch Lustgeräusche anderer Party-Gäste aus den nahestehenden Betten dringen), verschleißt Bauer den Verschleiß, den der Kulturbetrieb mit der Gesellschaftskritik treibt – es wirkt, als wollte einer Peter Weiss die Effekte seines "Hölderlin" um die Ohren schlagen.